Afridun Amu – Surfen für Afghanistan

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20. Januar 2021

In einen dicken Schal gewickelt treffen wir Afridun Amu an einem kühlen, aber strahlend sonnigen Tag zu unserem Interview. Die winterliche Berliner Kälte ist der 33-Jährige, der in seiner Neuköllner Wohnung nur noch selten anzutreffen ist, nicht mehr gewohnt: „2020 war ich insgesamt vielleicht zwei Monate in Deutschland.“ Stattdessen war sein Zuhause in den letzten Jahren meist dort, wo er seiner Passion, dem Surfen, nachgehen konnte. Auch diesmal bleibt Afridun nur ein paar Tage in Berlin, bevor er nach Portugal zurückfliegt – nicht zuletzt auch, um im Training zu bleiben. An vier Surf-Weltmeisterschaften hat er bereits teilgenommen und soweit die aktuelle Corona-Lage es zulässt, stehen im Sommer 2021 die eigentlich schon für 2020 geplanten Qualifikationen zu den Olympischen Spielen an. Das Besondere: Er surft für sein Geburtsland Afghanistan. Ein Land, das mehr mit Kriegsberichten als durch sportliche Leistungen Schlagzeilen macht und in dem es bis zu Afriduns Antritt bei den Weltmeisterschaften im Jahr 2017 nicht nur kein Surfteam gab, sondern größtenteils auch keine Vorstellung vom Surfen. Afriduns Ziel: Das afghanische Surfen bekannter zu machen, um den Menschen vor Ort durch den Sport ein Stück weit Hoffnung und Lebensfreude zu schenken und gleichzeitig der Welt einmal ein anderes Bild von Afghanistan aufzuzeigen, jenseits von Krieg und Elend.

Was ihn bei seiner Arbeit antreibt, wie es dazu kam, dass sich sein Engagement für Afghanistan vom Job in der Entwicklungszusammenarbeit auf das Surfbrett verlagert hat und warum das Surfen heilsam sein kann, erzählte uns Afri, wie er genannt wird, bei unserem Spaziergang im Gleisdreieckpark.

homtastics: Afri, du kommst gerade aus Portugal, wo du momentan die meiste Zeit verbringst und dich unter anderem auch auf die Qualifikation für die Olympischen Spiele vorbereitest. Surfen gilt zum ersten Mal als olympische Disziplin und dein Ziel ist es, für Afghanistan anzutreten. Welches Gefühl hast du bei der Vorstellung, beim größten Sportereignis der Welt teilzunehmen?

Afridun Amu: Grundsätzlich finde ich es einfach schön, dieses Abenteuer hin zu Olympia mitzunehmen. Wenn das Ergebnis tatsächlich sein sollte, dass ich mich qualifiziere, wäre das sicherlich etwas ganz Besonderes. Im Moment fühlt sich das Ganze für mich jedoch noch nicht so groß an und ich mache mir deshalb auch kein Kopfkino. Die geplante Teilnahme an den Qualifikationen, sofern sie denn stattfinden, bedeutet für mich zunächst erstmal nur trainieren und viel surfen. Da das Surfen ohnehin meine Passion ist, unterscheidet sich das momentan nicht so sehr von dem, was ich schon seit über einem Jahrzehnt mache. Es gibt natürlich ein paar Aspekte des Trainings, die sich von meiner sonstigen Art zu Surfen unterscheiden, beispielsweise mehr Konditionstraining, die Arbeit an der Technik und am Format Wettkampf an sich.

Wie sieht der Wettkampf aus?

Der Wettkampf wird so aussehen, dass man jeweils 20 bis 40 Minuten mit ein bis drei Leuten im Wasser ist und versucht die Welle so gut wie möglich zu surfen. Das ist natürlich ein ganz anderes Surfen als ich es normalerweise betreibe, wo ich teilweise bis zu vier Stunden im Wasser bin und die Welle ganz anders suche als im Wettkampf.

Das Interview führt Edyta Dombrowski.

Konntest du deinem Training in Portugal bisher wie geplant nachgehen oder inwiefern hat dich die aktuelle Corona-Situation eingeschränkt?

Es gab schon krasse Einschränkungen. Zumal die Olympia-Qualifikation, die jetzt für Juni 2021 angesetzt ist, eigentlich schon im Mai 2020 hätte stattfinden sollen, in El Salvador. Ich war im Surfcamp auf Hawaii und musste schnurstracks abhauen, weil alle Flüge gecancelt wurden. Danach saß ich erstmal auf dem Trockenen in Berlin und konnte so gut wie gar nicht trainieren. Als sich dann die erste Möglichkeit geboten hat, wieder nach Portugal zu fliegen, habe ich diese genutzt. In Portugal gibt es natürlich gewisse Einschränkungen, aber die tangieren das Training nicht so sehr. Da die Qualifikation erst im Juni stattfinden wird, ist das Training momentan ehrlich gesagt auch nicht der absolute Fokus meines Alltags. Das harte Training für das Turnier werde ich drei Monate davor im Surf Camp absolvieren, aber jetzt gehe ich vor allem meiner Passion nach.

Deine Leidenschaft für das Surfen hast du erst mit 19 Jahren so richtig für dich entdeckt. Nach dem Abitur hast du unter anderem Jura studiert und danach als Verfassungsrechtsexperte, u.a. in Zusammenarbeit mit Afghanistan, gearbeitet. Eine Zukunft als professioneller Surfer war demnach eigentlich nicht der Plan. Gab es einen Punkt, an dem du bewusst beschlossen hast, den juristischen Weg nicht weiterzugehen?

Wenn ich ehrlich bin, war ich nie so richtig happy mit meiner Studienwahl. Neben Jura habe ich noch Kulturwissenschaften und Design Thinking studiert. Während meines Jurastudiums habe ich auch ein ganzes Semester lang Mathevorlesungen besucht, das war immer ein großes Interesse von mir. Ich hatte mich ursprünglich für Jura entschieden, weil ich in die Entwicklungszusammenarbeit wollte, im Bereich Staatenaufbau, und irgendwann im Laufe des Studiums dachte ich mir: „Komm ich zieh das jetzt durch“, habe mich dahintergeklemmt und auch ganz gut abgeschlossen. Nach dem Studium bekam ich genau die Art von Stelle, für die ich angefangen hatte Jura zu studieren: bei der Max-Planck-Stiftung für internationalen Frieden und Rechtsstaatlichkeit. Das habe ich ausprobiert und diese Möglichkeit genutzt. Parallel dazu habe ich in der Innovationsberatung gearbeitet und 2017 gleichzeitig angefangen an der Uni Potsdam, am Hasso-Plattner-Institut, Design Thinking zu unterrichten. 2018 habe ich ein Sabbatical eingelegt, um mich aufs Surfen zu konzentrieren. Seit diesem Sommer habe ich wieder angefangen, dort digital zu unterrichten.

Irgendwann kam für mich die Erkenntnis, dass mir das, was konventionell als erfolgreiche Karriere angesehen wird, gar nichts gibt und Dinge wie Reichtum etc., für mich nicht erstrebenswert sind.

Wir treffen Afri im Berliner Park am Gleisdreieck.

War es in gewisser Weise eine bewusste Abkehr vom typischen Karriereweg?

Ja, das kann man so sagen. Ich bin als Geflüchteter aus Afghanistan hierher gekommen. Ich glaube, dass diese Biografie und die Art der Erziehung, die ich genossen habe, in der es immer sehr wichtig war, „etwas Anständiges“ zu machen und den Bildungsweg einzuschlagen, mich auf meinem Weg geprägt haben. Auch wenn die Entscheidung Jura zu studieren hauptsächlich durch den Wunsch, in der Entwicklungszusammenarbeit zu arbeiten, begründet lag. Irgendwann kam für mich die Erkenntnis, dass mir das, was konventionell als erfolgreiche Karriere angesehen wird, gar nichts gibt und Dinge wie Reichtum etc., für mich nicht erstrebenswert sind.

2012 hast du gemeinsam mit Freunden den afghanischen Surfdachverband „Wave Riders Association of Afghanistan (WRAA)“ gegründet, dessen Präsident du bist. Wie kam es dazu und was war euer Ziel?

Damals hatten wir gar keine große Vision. Wir wollten es als eine Plattform nutzen, mit der wir Menschen connecten, die eine ähnliche Biografie haben: afghanisch stämmige Surfende. Insbesondere der Zuspruch, den wir in Afghanistan von der afghanischen Bevölkerung erlebt haben, hat dazu geführt, dass wir das Ganze weiter ausgebaut haben, bis es schließlich zur offiziellen Anerkennung von afghanischer Seite sowie von der International Surfing Association (ISA) kam. Am Anfang bedeutete das für mich recht viel organisatorische Arbeit, was aufgrund meiner juristischen Erfahrung gut machbar war, aber heute werden die Verwaltungssachen direkt in Afghanistan wahrgenommen, seitens des Nationalen Olympischen Komitees.

Ich selbst bin vor einiger Zeit in den Vorstand des asiatischen Dachverbandes berufen worden, der sich vor ein paar Jahren gegründet hat. Im letzten Jahr fanden auch die ersten offiziellen asiatischen Meisterschaften statt. Tatsächlich gab es insgesamt einen ziemlich großen Schub, seit das Surfen olympisch geworden ist. China beispielsweise hatte sich bis dato nie dafür interessiert und steckt mittlerweile jährlich mindestens zweistellige Millionenbeträge in die Förderung.

Bisher wurde und wird der Surfsport vor allem von weißen Menschen dominiert, allem voran aus den USA und Australien, weil da die ganzen Fördergelder herkommen.

Wie stehst du persönlich dazu, dass das Surfen jetzt olympische Disziplin ist?

Es ist ein zweischneidiges Schwert. Ganz persönlich profitiere ich natürlich davon. Dass ich momentan die Möglichkeit habe, mich nur auf das Surfen zu konzentrieren, geht nur, weil es olympisch geworden ist. Auch das afghanische Surfen und das gesamte asiatische Surfen hat dadurch viele Vorteile. Bisher wurde und wird der Surfsport vor allem von weißen Menschen dominiert, allem voran aus den USA und Australien, weil da die ganzen Fördergelder herkommen. Von Ländern wie z.B. Indonesien gab es bisher keine nennenswerte Förderung, obwohl es mit seinen guten Wellen eine Surfnation ist. Durch das olympisch Werden wird das Surfen jetzt selbst in Ländern wie Afghanistan oder Iran finanziell gefördert, obwohl diese Länder alles andere als klassische Surfnationen sind.

Gleichzeitig ist es für die einzelnen Surfenden eher von Nachteil, dass Surfen so groß wird. Surfen ist auch irgendwo ein Egosport und je mehr Leute surfen, desto weniger Wellen bekommt man. Darum würde ich behaupten, dass die meisten in der Surfcommunity es eher nicht so toll finden, dass das Surfen olympisch geworden ist.

Seit der Gründung eures Dachverbandes ist ganz schön viel passiert! Unter anderem hast du als erster und einziger afghanischer Surfer das Land bei den Weltmeisterschaften vertreten …

Ja, damals war ich der einzige. Mittlerweile war ich aber schon viermal bei der Weltmeisterschaft und beim letzten Mal waren wir endlich ein größeres Team. Ich hoffe, dass wir es beim nächsten Mal sogar schaffen eine Frau dabeizuhaben, was ein weiterer großer Schritt wäre, nicht nur für den Dachverband, sondern auch für das ganze Land. Die Teilnahmen an den Weltmeisterschaften kamen vor allem bei den Menschen in Afghanistan super gut an, was uns motiviert hat, all das weiter aufzubauen und im Bereich des afghanischen Surfens den nächsten Schritt zu gehen.

Das habt ihr dann auch getan als ihr gemeinsam mit einem kleinen Team nach Afghanistan gereist seid, um den Menschen vor Ort das Surfen – um genauer zu sein das Flusssurfen – nahezubringen. Eure Reise habt ihr im Dokumentarfilm „Unsurfed Afghanistan“ festgehalten. Was hast du dir von dieser Reise erhofft und welche Eindrücke und Erfahrungen hast du mitgenommen?

Oberflächlich gesehen mag es etwas Bizarres, fast schon Paradoxes haben – Surfen und Afghanistan – aber während dieser ganzen Odyssee haben wir gemerkt, dass es eigentlich total gut passt. Wenn so etwas wie das Surfen in einem Land wie Afghanistan möglich ist, das obendrein nicht einmal Zugang zum Meer hat, ist so viel anderes auch möglich. Das ist etwas, das den Menschen unheimlich viel Hoffnung gibt. Natürlich haben wir nicht die Lösung aller Probleme für das Land und ich will das, was wir machen, auch gar nicht überbewerten. Dennoch haben wir in einem Bereich etwas erreichen können, der oft ignoriert wird – und zwar ging es uns einfach um die Freude der Menschen. Es wird immer nur über den Krieg in Afghanistan geredet und darüber, was man dagegen tun kann, das ist auch gut und richtig, aber es ist nicht das Einzige. Es reicht nicht, nur zu überleben, man braucht auch etwas zum Leben. Darum ging es uns, genau diesen Tropfen Freude nach Afghanistan zu bringen. Sport ist dort etwas so Wichtiges geworden. Seitdem Sport nicht mehr verboten ist, wie unter den Taliban bis 2001, gibt es ein extremes Nachholbedürfnis. Gerade heute, wo es leider danach aussieht als würden die Taliban wieder mehr Raum einnehmen und viele Einschränkungen dadurch eventuell wieder zurückkehren, vor allem auch für die Frauenwelt, ist es umso wichtiger, die Freiheit und Möglichkeiten aufrecht zu erhalten. Deswegen wurde es, denke ich, so dankend aufgenommen.

Wenn so etwas wie das Surfen in einem Land wie Afghanistan möglich ist, das obendrein nicht einmal Zugang zum Meer hat, ist so viel anderes auch möglich.

Afghanistan war zuletzt wieder verstärkt in den Medien, u.a. mit immer wieder neuen Anschlägen, dem geplanten US-Truppenabzug und laufenden Friedensverhandlungen zwischen der afghanischen Regierung und den Taliban. Wie hast du die Menschen vor Ort erlebt, haben sie noch Hoffnung auf eine positive Zukunft für ihr Land?

Schwierige Frage. Ich kann nicht für alle sprechen, aber ich habe ein Auf und Ab beobachtet. Unmittelbar nach dem Sturz der Taliban gab es sehr viel Hoffnung auf bessere Zeiten. Man muss sich vor Augen halten: Seit 1973 herrscht in Afghanistan eine Art Ausnahmezustand. Der Sturz des Königshauses, der Bürgerkrieg 1978/79, die sowjetische Invasion, nächster Bürgerkrieg, Taliban und eben den Zustand, den wir seit 2001 haben. Es gibt wenig Länder auf der Welt, in denen man sich seit so langer Zeit im Kriegszustand befindet und dementsprechend ist das für gewisse Generationen die Normalität. Hoffnung hat schon immer eine große Rolle gespielt, ohne Hoffnung geht es nicht. Wenn man keine Hoffnung hat, gibt es auch keinen Grund dazubleiben. Dass es so eine große Fluchtbewegung gibt, hat sicher auch damit zu tun, dass viele Leute die Hoffnung verloren haben.

Ich muss leider sagen, dass es momentan düster aussieht. Die Situation ist konstant schlechter geworden. Seitdem es jetzt auch noch Verhandlungen mit den Taliban gibt, die teilweise von Seiten der Amerikaner erzwungen wurden, scheint nochmal ein neues Kapitel des Absturzes anzubrechen. Kurzfristig sieht es nicht danach aus als würden bessere Zeiten eintreten.

Du hast selbst schon gesagt, dass der Plan, das Surfen nach Afghanistan zu bringen, in ein Land, das nicht nur keinen Zugang zum Meer hat, sondern seit Jahren von Krieg und Leid beherrscht wird und schwer zu bereisen ist, im ersten Moment geradezu unmöglich wirkt. Was ließ dich dennoch an das Projekt glauben?

Entscheidend waren zwei Sachen: Zum einen die Frage der Realisierbarkeit, was primär eine Sicherheitsfrage war. Während meiner Zeit in der Entwicklungszusammenarbeit habe ich dahingehend einen tiefen Einblick erhalten. Ja, das Land ist unheimlich gefährlich und es gibt fast überall kriegsähnliche Zustände. Trotzdem: Penibel ausgearbeitet ließ sich solch ein Projekt bewerkstelligen. Ich habe mich fast drei Jahre lang mit Sicherheitsproblematiken auseinandergesetzt, bis wir uns wirklich dazu entschieden haben die Reise anzutreten.

Zweitens und noch viel entscheidender dafür, dass wir an der Idee festgehalten haben: Das Projekt „Skateistan„, das ein großes Vorbild für uns war. Oliver Percovich, der Gründer und CEO, den ich in Afghanistan kennengelernt habe und der mittlerweile ein guter Freund von mir ist, hat das Projekt 2008 gegründet, mit dem Ziel Kindern das Skaten beizubringen. Heute ist „Skateistan“ eine große NGO, die in Südafrika, Kambodscha und in noch vielen anderen Ländern arbeitet. Auch in Afghanistan gibt es heute mehrere Skateparks und mittlerweile schaffen sie es mit ihrem Projekt auch, mehr Kinder in Schulen zu bringen und sie darüber hinaus in anderen Lebensbereichen zu unterstützen. Aber ursprünglich ging es nur darum, den Kindern das Skaten beizubringen. Am Anfang wurde das Projekt noch belächelt und infrage gestellt. Aber: Wenn man die Kinder sieht, die Spaß haben und einfach mal nur Kind sein dürfen, ohne an Probleme, Sorgen, Krieg und Elend zu denken, dann wird klar, dass die Frage danach, was das alles bringen soll, Quatsch ist. Unsere Motivation war, das Gleiche mit dem Surfen zu erreichen.

Wenn man die Kinder sieht, die Spaß haben und einfach mal nur Kind sein dürfen, ohne an Probleme, Sorgen, Krieg und Elend zu denken, dann wird klar, dass die Frage danach, was das alles bringen soll, Quatsch ist.

Du bist mit deiner Familie aus Afghanistan geflüchtet als du fünf Jahre alt warst. Hattest du, obwohl du in Deutschland aufgewachsen bist, schon immer einen starken Bezug zu deinem Geburtsland?

Die Frage nach der Identität ist natürlich ein großes Topic. Nachdem wir nach Deutschland kamen waren all die kulturellen Aspekte Afghanistans – Essen, Musik, allem voran die Sprache – weiterhin bei uns zu Hause vorzufinden. Ich habe mit meinen Eltern und meiner Schwester größtenteils immer nur Persisch gesprochen, bis heute. Insofern wurde uns Kindern das Afghanische ganz natürlich mitgegeben und diese kulturelle Kontinuität war schon immer da, ohne dass es gekünstelt oder forciert war. Im Laufe der Zeit hat sich mein Interesse für Afghanistan intensiviert, was vor allem der Ausgrenzungserfahrung geschuldet war. Ich habe meine Schulzeit in Göttingen verbracht und da habe ich schon den Stempel des Andersseins, des Ausländerseins aufgedrückt bekommen. Bei mir hat das zu einer Gegenbewegung geführt, sodass ich mich innerlich immer mehr als Afghane identifiziert habe. Spätestens 2016, als ich in Afghanistan war, gab es einen Reality Check: Wie viel Afghane steckt wirklich in mir? Heute kann ich sagen, dass diese ganzen nationalen Kategorien für mich keine Bedeutung mehr haben. Je nach Kontext bin ich mal deutsch, mal afghanisch. Aber eine permanente nationale Identität habe ich nicht.

Heute kann ich sagen, dass diese ganzen nationalen Kategorien für mich keine Bedeutung mehr haben. Je nach Kontext bin ich mal deutsch, mal afghanisch. Aber eine permanente nationale Identität habe ich nicht.

Du hast aktuell weitere Projekte geplant, eines davon ist, Kindern in Afghanistan den Schwimmunterricht zu ermöglichen. Wie weit seid ihr mit diesen Plänen und möchtest du selbst wieder vor Ort sein?

Den Plan haben wir schon länger und wir waren auch auf einem guten Weg, ihn umzusetzen. Auch hier war „Skateistan“ wieder unser Vorbild, die vor nicht allzu langer Zeit ihren dritten Skatepark in Afghanistan eröffnen konnten. In Kooperation mit „Skateistan“ wollten wir etwas Ähnliches mit Schwimmhallen machen. Um zu surfen, ist das Erste, was man lernen muss, natürlich das Schwimmen und in Afghanistan können viele Kinder nicht schwimmen. Das ist aber momentan leider komplett auf Eis gelegt. Einmal wegen Corona, aber auch weil die Sicherheitslage sich konstant verschlechtert hat und mit den Verhandlungen der Taliban, dem Abzug der US-Truppen etc. eine neue Dimension der Instabilität erreicht ist. Insofern passiert da leider gerade nicht so viel.

Stattdessen arbeite ich gerade intensiv an einem anderen Projekt mit Geflüchteten aus Afghanistan, hier in Berlin. Es handelt sich um ein Pilotprojekt, gemeinsam mit „YAAR“, dem größten afghanischen Geflüchteten Verein Deutschlands, und „Wir machen Welle“, eine NGO von Sebastian Steudtner, dem erfolgreichsten Big Wave Surfer Deutschlands. Wir machen Welle arbeitet schon länger im Bereich der Surftherapie, wo Jugendliche durch das Erlernen des Surfens dabei unterstützt werden, psychische Probleme zu bewältigen. Das Gleiche möchten wir mit Geflüchteten machen. Neuste wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass die Surftherapie bei Traumabewältigung sehr erfolgversprechend ist. Unser Ziel wird sein, irgendwann eine Welle im Ozean zu surfen, aber auf dem Weg dahin soll alles Mögliche angeboten werden – von Schwimm- und Atemübungen bis hin zu Inklusionsprojekten, alles in Zusammenarbeit mit Psycholog*innen.

Warum, glaubst du, eignet sich der Surfsport dafür so gut?

Dass das Surfen sich positiv auf das Wohlbefinden auswirkt, wurde in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen. Ich bin kein Experte, aber ich kann mir vorstellen, dass es eine Kombination aus mehreren Sachen ist. Zum einen ist es definitiv das In-der-Natur-Sein. Dass sich die Natur heilsam auf unsere Seele auswirkt, ist kein Geheimnis. Daneben erfordert es eine gewisse Disziplin und Arbeit, die man investieren muss, um das Surfen zu erlernen. Surfen ist ein Sport, bei dem man nur sehr langsam Fortschritte macht, somit muss man sich immer wieder neu motivieren, um den eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Darüber hinaus spielt Angstbewältigung eine große Rolle. Am Anfang steht man beim Surfen vor einem unmöglich erscheinenden Hindernis: eine Wasserwand, die man runterfahren soll, das müssen nicht einmal große Wellen sein. Die Welle nimmt einen mit, es folgt der Höhepunkt und dann muss man aufstehen und mit der Wassermasse mitgehen – das ist für viele am Anfang erstmal eine große Hürde. Damit umzugehen und diese Herausforderung zu meistern schafft Erfolgserlebnisse, die auch in anderen Lebensbereichen dabei helfen können, mit Schwierigkeiten besser umzugehen.

Was kann man deiner Meinung nach vom Surfen fürs Leben lernen?

Eines der schönsten Gefühle, das ich beim Surfen habe und ein Grund, weshalb ich so süchtig nach dem Surfen bin, ist das Im-Moment-Sein. Wenn man surfen geht und mit den Gedanken woanders ist, kann es schnell gefährlich werden. Man muss ganz präsent sein. Das Gefühl, einen freien Kopf zu haben, eine Art Symbiose mit dem Naturspektakel um einen herum einzugehen, ist berauschend schön. Ich denke, das ist etwas, das man fürs Leben lernen kann: sich nicht zu sehr in Gedanken zu verlieren, sondern im Moment zu sein, in den Körper hinein zu spüren und alle Sinne zu schärfen. Ich bin davon überzeugt, dass man weniger Probleme im Leben hat, wenn man weniger an die Zukunft und an die Vergangenheit denkt.

Das ist etwas, das man fürs Leben lernen kann: sich nicht zu sehr in Gedanken zu verlieren, sondern im Moment zu sein, in den Körper hinein zu spüren und alle Sinne zu schärfen.

Surfen ist auf den ersten Blick ein Sport für Individualisten, ein Einzelsport. Welche Rolle spielt der soziale Aspekt?

Surfen ist nicht nur auf den ersten, sondern auch auf den zweiten und dritten Blick eine Einzelsportart. Beim Shortboard Surfen hat es sich mittlerweile durchgesetzt, dass pro Welle nur eine Person surft. Darum ist mehr und mehr ein Ego-Ding daraus geworden. Ich finde es super schön, alleine zu surfen und komplett allein in der Natur zu sein. Aber ich schätze es genauso sehr, mit Freunden surfen zu gehen und die Freude zu teilen. Es ist nicht selten so, dass es genauso viel Freude auslöst eine schöne Welle zu teilen wie sie selbst zu surfen. Eine Session, bei der die Wellen perfekt sind, aber alle um die Welle kämpfen, macht im Nachhinein nicht annähernd so viel Spaß wie eine Session, bei der die Wellen nicht ganz perfekt sind, aber alle sich gegenseitig anfeuern. Es würde vielen in der Surf-Community guttun, das Teilen und das Miteinander höher zu bewerten als die eine perfekte Welle für sich allein zu haben.

Ist es dir wichtig ein gutes Vorbild zu sein?

Ich glaube schon, dass man die Welt zu einem besseren Ort machen kann, wenn man versucht, etwas Gutes zu tun. Meine Wahl für das Studium war unter anderem durch meine Biografie begründet. Meine Mutter und meine Schwester sind Ärztinnen. Es hat bei uns immer eine Rolle gespielt, zu versuchen, der Gesellschaft etwas Gutes zurückzugeben. Die Entscheidung, die klassische Entwicklungsarbeit sein zu lassen und stattdessen den Weg zu gehen, den „Skateistan“ vorgelebt hat – nämlich mit dem Sport etwas aufbauen zu wollen – dahinter steckt natürlich die gleiche Motivation: zu versuchen, etwas Gutes zu tun. Ob ich damit ein Vorbild bin, weiß ich nicht, und es ist auch nicht meine Intention bei dem, was ich tue. Aber wenn das, was ich mache, andere positiv inspiriert, freue ich mich natürlich darüber.

Du reist in Kürze wieder zurück nach Portugal. Was sind die nächsten Schritte in der Vorbereitung auf Olympia?

Ein Grund, weshalb ich aktuell mehr oder weniger nach Portugal gezogen bin, ist auch, dass ich nicht mehr so viel fliegen will wie bisher. Ich bin diesbezüglich heute viel sensibilisierter als in der Vergangenheit. Es gab Phasen, in denen ich nicht wahrhaben wollte, wie schädlich das Fliegen für die Umwelt ist, weil es so sehr zu meiner Lebensführung dazugehört hat. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, weniger zu fliegen und deswegen bleibt meine Vorbereitung wahrscheinlich vorerst in Portugal. Da die nächste Qualifikation in El Salvador sein wird, werde ich vermutlich vorher in die Richtung reisen und das Training dort fortsetzten. Ansonsten mache ich erstmal weiter wie gehabt und das bedeutet vor allem: so viel wie möglich zu surfen und Spaß am Surfen haben.

Wir danken dir für das inspirierende Gespräch und drücken die Daumen für deine weiteren Projekte und die Olympia-Qualifikation!

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Hier findet ihr Afridun Amu:

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