Konichiwa Bicis! „Bici Bavarese“ ist mehr als ein Fahrradladen

28. Februar 2020

Drei Freunde, ein Laden und jede Menge Räder: Die Münchner Ciclistas Flo Merhart, Fabi Dömges und Max Reiß sind angetreten, um die bayrische traditionelle Rennradkultur zu erhalten – bzw. um eine neue zu gründen. Aus der Leidenschaft für das Restaurieren und Fahren italienischer Rennräder haben die drei 2017 das Konzept zu ihrem Traum-Fahrradladen im Münchner Stadtteil Haidhausen entwickelt. Bei „Bici Bavarese“ liegt der Fokus auf Rennrädern der 1960er bis 2000er Jahre. Mit dem integrierten Café, regelmäßigen Ausfahrten und Events – vom Schafkopf-Turnier bis zum gemeinsamen Tour de France Gucken – ist „Bici Bavarese“ nicht nur ein Laden, sondern auch ein Ort des gemeinsamen Austauschs für Radsportfans. In Kooperation mit Münchner Künstlern und Designern entstehen dabei immer wieder kleine Streetwear-Kollektionen, die es neben klassischem Radzubehör und Vintage-Trikots zu kaufen gibt. Wir sprechen mit Max über die Liebe zu Vintage Rennrädern und das Besondere an dem „Giro Bavarese“ – die „gschmeidige Tour de Plaisir mit historischen Rennrädern.“

Max Reiß, Flo Merhart und Fabi Dömges haben 2017 „Bici Bavarese“ gegründet und eröffnet.

homtastics: Macht ihr „Bici Bavarese“ hauptberuflich? Was habt ihr vorher gemacht?

Max Reiß: „Bici Bavarese“ hat als Hobby angefangen, inzwischen machen wir es alle hauptberuflich. Der Fabi hat Architektur studiert und in einem Architekturbüro gearbeitet. Er wollte aber mehr mit den Händen arbeiten und hat eine Ausbildung zum Fahrradmechaniker begonnen und letztes Jahr abgeschlossen. Er ist jetzt gelernter Zweiradmechatroniker. Der Flo hat beim Film als freier Regisseur und Produzent gearbeitet, unter anderem für Pro7 und Red Bull TV. Und ich habe Filmwissenschaften studiert und im Video on demand-Bereich gearbeitet, zum Beispiel für iTunes.

Wie habt ihr drei euch kennengelernt?

Das kam über Bekannte. Wir haben alle gern an Fahrrädern geschraubt. Flo und ich sind 2011 an der L’Eroica in der Toskana mitgefahren, das ist eine Tour für bzw. mit Vintage Rädern. Flo hatte dann zusammen mit einem anderen Freund, der mittlerweile in Hamburg lebt, die Idee und den Namen „Bici Bavarese“ auf die Welt gebracht. Die Herausforderung war, eine geeignete Fläche für den Laden zu finden.

„Bici Bavarese“ hat sein Zuhause in München-Haidhausen.

Wenn so ein Rad die letzten 40 Jahre gut gelagert in einem trockenen Keller stand, fährt das heute genauso gut wie damals.

„Bici Bavarese“ ist nicht nur Fahrradladen, sondern auch -café!

Woher kommt die Leidenschaft für Vintage Rennräder?

Vor zehn, zwölf Jahren ist bei uns die Leidenschaft für italienische Rennräder speziell aus den Siebziger- bis Neunziger-Jahren entbrannt. Die haben eine große Tradition und da steckt viel Geschichte hinter, aber auch Innovation. Die hochwertigsten Räder kommen aus Italien. In den Siebzigern war der Radsport noch ein anderer: Statt großen Firmen gab es viele kleine Handwerksbetriebe und vereinzelte Meister, die die Rahmen sehr hochwertig gebaut haben. Es ist spannend, welcher Rennradfahrer mit welchem Rennrad den „Giro d’Italia“ oder die „Tour de France“ gewonnen hat. Die Räder sind aus Stahl und daher sehr robust. Wenn so ein Rad die letzten 40 Jahre gut gelagert in einem trockenen Keller stand, fährt das heute genauso gut wie damals.

Dann ist es natürlich der Stil: Die Räder sind sehr elegant, haben Gravuren und aufwendige Lackierungen. Da trifft Handarbeit auf Handwerkskunst.

Was war der Auslöser, dass ihr euren Laden schließlich eröffnet habt?

2017 hat Fabi die passende Immobilie gefunden. Ich habe daraufhin meinen Job in Berlin gekündigt und bin zurück nach München gezogen. Die anderen beiden haben ihre Ausbildung und Jobs weitergemacht und nebenbei für Bici Bavarese gearbeitet so haben wir wir es geschafft, in den letzten zwei Jahren „Bici Bavarese“ aufzubauen.

Früher sind viele von Bayern nach Italien gefahren, um sich ein Fahrrad nach Maß bauen zu lassen.

Was hat euch in München vorher gefehlt?

Wir haben in München einen Laden vermisst, der kein gewöhnlicher Fahrradladen ist, sondern sich speziell um diese Räder dreht und in dem man Gleichgesinnte im Rahmen eines Fahrradcafés treffen kann. Ein Laden, der gemeinsame Ausfahrten organisiert und Workshops anbietet – die Community also prägt.

Gibt es ähnliche Läden an anderen Plätzen auf der Welt?

In London gefällt uns das „Look mum no hands!“ sehr gut. Auch das „Eddy would attack“ in Nürnberg oder „Schicke Mütze“ in Düsseldorf haben ein ähnliches Konzept, das uns gut gefällt. Wir haben das Konzept „Bike-Café“ sicher nicht erfunden.

Ihr macht euch stark „für den Erhalt der bayrischen traditionellen Rennradkultur“. Gibt es die überhaupt? Wenn ja, kannst du uns diese näher bringen?

(Lacht) Diesen Slogan haben wir uns mal für Facebook ausgedacht. Nein, es gibt tatsächlich ein paar wenige bayerische Fahrradhersteller und Rahmenbauer, die wir bei uns vertreten und die uns sehr interessieren. Auch Trikots von alten Münchner Radvereinen finden wir spannend. Die Radkultur erhalten wir natürlich aufrecht, in dem wir zusammen Fahrrad fahren – in und um München herum. Wir machen sowohl Vintage Ausfahrten als auch Fahrten mit modernen Rädern. Und wir lassen ein modernes Stahl-Rennrad, das „Servus Corsa 2020“, in Italien bauen, das viele klassische Elemente enthält.

Wir haben hier Räder von einem Mann, der in seiner Mailänder Werkstatt saß und pro Woche zwei Räder gebaut hat.

Wo findet ihr eure Vintage Bikes und die historischen Ersatzteile? Auf welchen Rädern liegt euer Fokus?

Durch die Nähe zu Italien findet man hier wesentlich mehr gebrauchte italienische Rennräder als in Hamburg. Früher sind viele von Bayern nach Italien gefahren, um sich ein Fahrrad nach Maß bauen zu lassen. Vor zehn Jahren fand man noch gute Räder auf eBay Kleinanzeigen, aber mittlerweile stürzt sich die halbe Republik auf die Angebote. Wir bekommen inzwischen viele Räder in den Laden geschoben. Gerade hat ein Kunde zum Beispiel ein altes Rad seines Großvaters vorbeigebracht, was wir angekauft haben.

Manchmal fahren wir auch mit dem Sprinter nach Italien und kaufen einem Sammler mehrere Räder ab. Uns ist wichtig, dass wir niemanden übers Ohr hauen. Wenn eine alte Dame ein Rad von ihrem verstorbenen Mann geerbt hat, das 2.000 Euro wert ist, werden wir ihr nicht 50 Euro dafür bieten. Wir nennen das „Bici Karma“, das machen wir seit Anbeginn: Wir boten niemanden aus, sind fair, freundlich und höflich. Das kam bisher immer auf die ein oder andere Weise positiv zurück.

Unterstützt ihr auch Kunden bei der Suche nach besonderen Ersatzteilen?

Die haben wir in der Regel da. Oft versetzen wir Räder wieder in den Originalzustand, das heißt, es sammeln sich viele, viele Ersatzteile an. Bastler werden bei uns fast immer fündig.

Einmal im Jahr findet der „Giro Bavarese“ statt – eine Ausfahrt für Vintage Rennräder!

Was ist dein persönliches Lieblingsrad?

Das ist schwer! Ich habe aktuell fünfzehn Räder, jedes hat einen anderen Einsatzbereich. Unser eigenes Rad habe ich mir schwarz mit goldenen Punkten lackieren lassen. Dann habe ich noch ein Fahrrad vom Münchener Rahmenbauer „Redl“, der von den Fünfziger bis Achtziger Jahren Rahmen gebaut hat.

Welche Services bietet ihr im Laden und in der Werkstatt an?

Unser Hauptgeschäft ist das Reparieren, Restaurieren und Verkaufen von klassischen Rennrädern. Wir haben auch Spezialwerkzeug für die alten Fahrräder da, beispielsweise für die verschiedenen Gewindegrößen – das benötigen Bastler oftmals. Für Vintage Räder brauchst du auch Vintage Werkzeug. Wir beraten viel und bauen Wunschräder auf – auch moderne Rennräder.

Wie sieht der Markt für Vintage Räder aktuell aus?

Dank eBay, Facebook oder Instagram kann ein Sammler in Japan heute sehen, welche Fahrräder die Leute in Deutschland, Österreich oder Italien haben. In Japan gibt es eine große Fanbase. Wenn die was machen, wollen die alles im perfekten Zustand – suchen aber zum Beispiel vorrangig sehr kleine Rahmen. Das Wichtigste ist oft, das Fahrrad richtig zu verpacken, damit es heil ankommt. Wir haben schon Räder nach Irland oder in die USA verkauft und verschickt – die sind alle heile angekommen.

Definiert sich der Sammler-Ehrgeiz mehr über die Ästhetik oder geht es um die Performance – oder beides?

Es gibt verschiedene Motive: Die einen haben eine cleane, große Garage und hängen sich die Fahrräder da hin. Die anderen wollen mit den Fahrrädern fahren und fahren zum Beispiel bei Ausfahrten mit, wofür sie ihr Schmuckstück einmal im Jahr rausholen. Du merkst natürlich, ob ein Rennrad aus dünnem Highend Stahl gebaut wurde, oder ob es ein billiges Peugeot aus Wasserrohr ist. Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen einem Rennrad, was in den Achtzigern bei der „Tour de France“ mitgefahren ist und einem Rad, was für den Weg zum Bäcker benutzt wurde. Ein aktuelles Rennrad, das jetzt von Profis bei der „Tour de France“ gefahren wird, kostet um die 15.000 Euro. Ein Rennrad, das in den Achtzigern mitfahren hätte können, kostet jetzt eher 1.000 Euro. Man bekommt also viel Qualität für sein Geld.

Viele Leute fragen uns oft, ob wir nicht ein Peugeot da haben – Peugeot hat 1985 ihr dreimillionstes Rad gebaut, das war damals schon Massenware aus der Fabrik. Wir haben hier Räder von einem Mann, der in seiner Mailänder Werkstatt saß und pro Woche zwei Räder gebaut hat. Der hat in seinem gesamten Leben vielleicht 1.000 Räder gebaut.

Wir fahren rund um den Tegernsee und trinken leckeres Weißbier und essen lokale Leckereien.

Lass uns über den „Giro Bavarese“ – eure „gschmeidige Tour de Plaisir mit historischen Rennräder“ – sprechen. Was ist das Besondere eurer Ausfahrten? Wie organisiert ihr diese?

Die „L’Eroica“ in Italien war unser Vorbild, da fährt man im Herbst durch die Toskana, trinkt guten Rotwein und isst gutes Essen. Wir in Bayern haben es mit unseren Bergen und Seen auch nicht ganz so schlecht und bei uns gab es so eine schöne Ausfahrt noch nicht – deswegen haben wir es einfach selbst gemacht. Wir fahren rund um den Tegernsee und trinken leckeres Weißbier und essen lokale Leckereien. Wir wollen aber nicht den totalen Lokalpatriotismus einreißen lassen … Italien schwingt natürlich mit. Deswegen gibt es auch Pasta. Aber es ist eben eine Vintage Ausfahrt, das heißt, die Räder müssen beim Erstkauf mit D-Mark, Schilling oder Lire bezahlt worden sein. Die Regeln sind ansonsten nicht besonders streng. Im Anschluss gibt es eine ordentliche Party mit Blasmusik und DJ. Es geht darum, einen schönen Tag auf dem Fahrrad zu haben!

Und wie werden die Strecken konzipiert?

Wir sind zur Recherche viele viele Kilometer geradelt und haben für den Giro Bavarese abwechslungsreiche Strecken á 45, 65 und 110 Kilometer ausgeschildert. Es ist kein Rennen, sondern eine Ausfahrt mit schönen Verpflegungsstationen, an denen man sich ausruhen kann. Es schaffen mehr Teilnehmer*innen die 65 Kilometer als sie vorher vielleicht denken. Anmelden kann man sich über unsere Website – die Startplätze sind auf 500 Stück limitiert.

Da heißt es, schnell sein! Danke für das nette Gespräch, lieber Max!

Hier findet ihr „Bici Bavarese“:

Fotos: Bici Bavarese

Layout: Kaja Paradiek

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