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Trolley Man: 3059 Kilometer zu Fuß mit dem Einkaufswagen durch Australien

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13. Februar 2019

„Darf ich meinen ganz persönlichen Van vorstellen: Mrs. Molly the shopping trolley“. Mit diesen Worten entdeckten wir Christian Zimmermann vor kurzem in einer Vanlife-Facebook-Gruppe. Von Darwin bis nach Adelaide – 3059 Kilometer ist der Schweizer in 105 Tagen gewandert. Immer mit dabei: „Mrs. Molly“, der Einkaufswagen, in dem Christian seine Ausrüstung transportiert. Wie ist er auf die Idee gekommen, ausgerechnet diese Art des Reisens zu wählen und wie haben Einheimische und andere Reisende auf den Abenteurer reagiert, der seinen Wagen quer durch die australische Wüste schob? Das hat uns der 50-jährige Reisefotograf, in Down Under besser bekannt als Trolley Man, im Interview verraten.

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homtastics: Du bist mit einem Einkaufswagen durch Australien gewandert. Wie kamst du auf diese verrückte Idee?

Christian Zimmermann: Ich wollte mal wieder etwas wirklich Abenteuerliches machen, Australien stand dabei ganz oben auf der Wunschliste. Meine letzte Reise dorthin war schon 17 Jahre her. Ich war vorher schon dreimal dort: Erst bin ich mit dem Auto gereist, dann mit dem Fahrrad, beim dritten Mal mit einem Allrad-Fahrzeug. Für meine vierte Australienreise blieb mir eigentlich nur übrig, eine Tour zu Fuß zu planen.

Und warum hast du ausgerechnet einen Einkaufswagen mitgenommen?

Ein Rucksack hätte nicht ausgereicht, da ich immer 30 Liter Trinkwasser und Proviant für zehn Tage bei mir haben musste. Also habe ich viele Ideen gewälzt und mein Bruder Andreas hatte irgendwann den glorreichen Vorschlag, dass ich einen Einkaufswagen nehmen könnte. Er sagte: Da hast du genügend Platz und den kannst du überall ganz günstig mieten.

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Bist du dann einfach nach Australien geflogen und hast einen Wagen im Supermarkt ausgeliehen?

Nein, ich habe im Vorfeld Kontakt mit einer kleinen Firma in Darwin aufgenommen, die Einkaufswagen verkauft. Dort wurde ich zu Beginn meiner Reise erwartet und mein Glück war es, dass der Besitzer das Geschäft gerade verkauft hat. Er war nur noch für die Übergabe an den Nachfolger vor Ort und hatte viel Zeit für mich. Wir haben den Wagen leicht modifiziert: größere Räder dran geschraubt und die Achse etwas verbreitert. Aber hätte ich die Firma nicht gefunden, wäre Plan B tatsächlich gewesen, einfach in einen Supermarkt zu gehen.

Wie können wir uns das Reisen mit Einkaufswagen denn vorstellen? Ist das nicht ziemlich anstrengend?

Überhaupt nicht, der Wagen hat sich total bewährt. Das einzig Mühsame waren die Grids, die Viehsperren mit Bodengittern, die quer über die Straße verlaufen. Über die konnte ich den Wagen nicht schieben, sondern musste ihn ziehen. Im Norden tauchte nur etwa alle zwei bis drei Tage so eine Absperrung auf, später im Süden dann aber viel öfter – da wurde es schon anstrengend. Aber ansonsten ließ sich der Wagen wirklich relativ angenehm fahren.

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Offroad-Strecken waren aber vermutlich nicht möglich, oder?

Ich bin zum größten Teil den Stuart Highway entlang marschiert, also die Hauptstraße durch die Wüste. Am Abend habe ich die Straße immer verlassen und bin ein wenig ins Gebüsch rein – und sobald der Boden sandig war, wurde es mühsam. Über Stock und Stein kann man mit einem Einkaufswagen natürlich nicht fahren. Er wog mit Proviant und Ausrüstung etwa 120 Kilo.

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Wo hast du auf deiner Tour denn übernachtet?

Ich habe fast nur gecampt, viele andere Möglichkeiten gibt es auf der Strecke nicht. Alle paar Tage taucht mal ein Roadhouse auf – eine Art Tankstelle mit Pub, meistens auch mit einem Campingplatz. Manchmal habe ich dort gezeltet und mir abends Burger oder Steak mit einem Bier gegönnt. Aber meistens habe ich mich etwa eine Stunde vor Anbruch der Dunkelheit in die Büsche geschlagen, mir ganz einfach eine Nudelsuppe gekocht und dort im Zelt geschlafen.

Im Norden herrschte die größere Hitze – es war ein gutes Gefühl, mit jedem Schritt dem kühleren Süden näherzukommen.

Das klingt wirklich abenteuerlich. Warst du zwischendurch auch mal in einer brenzligen Situation?

Es herrschten 35 Grad im Schatten, teilweise starker Gegenwind. Ich war oft müde, meine Füße taten weh, ich bekam Blasen: Das wird schon mal anstrengend. Aber ich habe nie darüber nachgedacht, die Tour abzubrechen. Aufpassen musste ich auf den Verkehr: Zwar herrscht auf dem Highway nicht viel Betrieb, es kommt höchstens mal alle halbe Stunde ein Auto vorbei. Aber wenn von beiden Seiten Autos oder Lastwagen kamen, dann blieb für mich kein Platz mehr. Dann musste ich runter vom Asphalt in den Kies. Wichtig war es, immer die Ohren zu spitzen und den Verkehr im Blick zu haben.

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Wonach hattest du deine Route ausgewählt?

Ein Grund war, dass ich auf dem Weg vom Norden in den Süden immer die Sonne im Rücken hatte. Aber hauptsächlich wollte ich den härtesten Teil der Reise an den Anfang stellen. Im Norden herrschte die größere Hitze – es war ein gutes Gefühl, mit jedem Schritt dem kühleren Süden näherzukommen. Außerdem sind im Norden die Distanzen zwischen den Roadhouses noch kürzer, da taucht alle drei bis vier Tage eins auf. Im Süden gab es teilweise 250 Kilometer lang nichts auf der Strecke. Aber da wusste ich bereits, wie das Spiel läuft, wie viel Wasser und wie viel Essen ich für diese Zeit benötige.

Wie viele Kilometer bist du ungefähr pro Tag gelaufen?

Meistens waren es etwa 35. Über die ganze Distanz hatte ich einen Schnitt von 30 Kilometern pro Tag. Meistens habe ich einmal pro Woche einen Ruhetag eingelegt, oft bei einem Roadhouse. Nach so einer Pause habe ich meistens erst gemerkt, wie nötig ich sie hatte. Danach fühlte ich mich wie neugeboren. Die Dauerbelastung des Körpers war auch interessant zu beobachten. Ich wusste, dass ich fit bin und einige Tage am Stück wandern kann, aber 105 Tage hatte ich es auch noch nie gemacht. Ich wusste nicht, ob ich das schaffe.

Hast du die ganze Strecke alleine zurückgelegt oder haben sich dir auch mal andere Reisende angeschlossen?

Ich war komplett alleine unterwegs. Aber es haben fast täglich Autofahrer angehalten und mich angesprochen. Ich war natürlich ein ziemlicher Exot dort in der Wüste. Aber gereist bin ich komplett alleine. Für viele wäre das vermutlich das größte Problem – aber ich mache so etwas seit 25 Jahren, ich reise sehr viel und verbringe fast jedes Jahr rund zwei Monate im Zelt. Es ist für mich kein Problem, auf mich allein gestellt zu sein und ich mache mich auch nicht verrückt, wenn neben dem Zelt nachts ein Tier aufheult.

Es kam oft vor, dass Wildfremde angehalten und mir ein kühles Bier oder einen Apfel in die Hand gedrückt haben.

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Mrs. Molley bei Nacht.

 

Gab es denn mal unheimliche Begegnungen mit Tieren?

Ich habe zwei- oder dreimal eine Schlange gesehen, aber die haben in der Regel mehr Angst vor mir als umgekehrt. Es ist wichtig, dass man immer mit gesundem Menschenverstand handelt – dann ist die Chance relativ klein, dass etwas passiert. Wenn ich meine Schuhe nachts draußen vor dem Zelt stehen lasse und morgens einfach reinschlüpfe, dann darf ich nicht überrascht sein, wenn das schiefgeht. Aber solche Dinge sind eigentlich selbstverständlich in einem Land, in dem es giftige Tiere gibt.

Wie waren denn die Reaktionen der Menschen, die dich angesprochen haben?

Grundsätzlich total positiv. In Australien sind sowieso fast alle Menschen sportverrückt und bewundern Leute, die etwas Ausgefallenes machen. Es kam oft vor, dass Wildfremde angehalten und mir ein kühles Bier oder einen Apfel in die Hand gedrückt haben. Das „Buschtelefon“ hat auch gut funktioniert, es hatte sich schon unter vielen Reisenden herumgesprochen, was ich mache. Oft haben Fremde angehalten und mich gegrüßt, weil sie von mir gehört hatten. So ist mein Spitzname „Trolley Man“ entstanden.

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Die größte Kraftanstrengung haben Christian die Grids, die Viehsperren mit Bodengittern, gekostet.

Dein Einkaufswagen trägt ja auch einen Namen – stammt der von dir oder auch von anderen Reisenden?

Ich habe nach ein paar Wochen eine Lehrerin kennengelernt, die online Kinder unterrichtet, die im Outback leben – und sie hat mich zu einer Unterrichtsstunde eingeladen. Wir standen dort in der Schule wie in einem Fernsehstudio und ich habe von meinen Erlebnissen erzählt. Am Ende habe ich gesagt, dass mein Einkaufswagen noch keinen Namen hat und wir haben gemeinsam überlegt. Dann kam eins der Kinder auf die Idee: „Mrs. Molly, the Shopping Trolley“.

Wenn dich jemand spontan abends ans Lagerfeuer einlädt, ihr ein kühles Bier zusammen trinkt und bis spät in die Nacht quatscht – das ist für mich das Beste.

Waren alle so nett und offen zu dir oder gab es auch mal negative Reaktionen?

Witzig war es, dass mich die Menschen im Outback alle ziemlich interessant fanden und sich mit mir unterhalten wollten. Die letzten Tage habe ich im Großraum Adelaide verbracht, da wurde ich eher skeptisch angeguckt. Vermutlich haben mich viele mit dem Einkaufswagen für einen Obdachlosen gehalten, nach knapp vier Monaten sah ich natürlich auch nicht mehr ganz frisch aus. Das fühlte sich erst komisch an, aber auf den zweiten Blick haben eigentlich alle festgestellt, dass ich mit meiner Foto-Ausrüstung und den guten Schuhen wohl nicht obdachlos sein konnte.

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Was war denn für dich das Schönste an der Reise – wenn du das überhaupt sagen kannst?

Die Begegnungen mit den Menschen unterwegs. Eigentlich empfinde ich das auf all meinen Reisen so: Wenn dich jemand spontan abends ans Lagerfeuer einlädt, ihr ein kühles Bier zusammen trinkt und bis spät in die Nacht quatscht – das ist für mich das Beste. Das kann man eigentlich durch nichts überbieten, so schön die Landschaft auch ist.

Wie sind deine nächsten Reisepläne? Ziehst du noch einmal mit Einkaufswagen los?

Ja, ab Mai geht es von der Schweiz aus nach Moskau – wieder mit Mrs. Molly. Die habe ich in Adelaide eingeschifft, vier Monate nach unserem Trip ist sie bei mir zuhause angekommen. Das Reisen mit Einkaufswagen ist wirklich etwas, was mir gut gefällt. Touren, die man nur mit eigener Muskelkraft meistert, geben mir einfach am meisten. Und der Einkaufswagen ist dabei total praktisch für die Ausrüstung.

 

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Und wie kamst du bei der Reiseplanung auf Moskau?

Ich habe etwa vier Monate Zeit und habe überlegt, welches Ziel ich in dieser Zeit erreichen kann – da war Moskau schnell ausgemacht. Ich war noch nie dort und kenne den Großteil der Strecke noch nicht. Ich werde durch Deutschland, Österreich, Tschechien und die baltischen Staaten wandern, da freue ich mich sehr drauf.

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Never give up! Christian plant bereits seine nächste Tour. Im Mai wandert er von der Schweiz bis Moskau.

Das ist ja nicht gerade das Outback. Glaubst du, dass sich diese Tour sehr stark vom Australien-Trip unterscheidet?

Das wird in jedem Fall ganz anders werden. Ich muss natürlich nicht so viel Wasser und Proviant mitnehmen, aber Campieren in der Natur ist größtenteils verboten. Ab und zu werde ich wohl in einer Herberge übernachten. Ich kann ja schlecht in einer großen Stadt auf dem Verkehrskreisel campieren. Und vermutlich werde ich noch viel mehr Leute treffen. Wenn ich an der Donau entlang wandere, lerne ich bestimmt ganz viele Radfahrer kennen. Da muss ich sicher aufpassen, dass ich auch meine Strecke zurücklege – und nicht den halben Tag einfach quatsche.

Wir wünschen dir ganz viel Spaß dabei. Danke für das spannende Interview!

 

Hier findet ihr Christian Zimmermann:

Christian hat über seine Tour durch Australien auch ein Buch geschrieben, das ihr hier bestellen könnt.

Fotos: Christian Zimmermann

Interview: Julia Allmann

Layout: Kaja Paradiek

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