Studio Arhoj: Dieser Gründer führt das erfolgreichste Keramik-Label Nordeuropas!

Fotos: 
11. September 2019

Mit seiner ausgefallenen Keramik mit den bunten, individuellen Glasuren ist „Studio Arhoj“ international bekannt geworden. In rund 200 Stores weltweit sind die Produkte vertreten – und natürlich online. Alles, von Bechern über Vasen bis zu Figuren, wird von Hand in Kopenhagen gefertigt. Insgesamt 14 Mitarbeiter töpfern, glasieren, brennen und verpacken die Keramikprodukte im Studio, zu dem auch ein Laden gehört. Der kreative Kopf hinter „Studio Arhoj“ ist Anders Arhoj, der als Grafikdesigner, Illustrator und Artdirektor gearbeitet hat bevor er 2013 sein eigenes Label gründete. Wir treffen den 40-Jährigen für einen Blick hinter die Kulissen von „Studio Arhoj“ und sprechen über seine Liebe zu Japan und traditionellen Töpfertechniken, seine Inspiration und die harte Arbeit, die hinter seinem Erfolg steckt.

 

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Das Studio samt Werkstatt und Ladengeschäft von Studio Arhoj lieht im Stadtteil Islands Brygge in Kopenhagen.

homtastics-Studio-Arhoj-Figuren

homtastics: Du hast in Japan studiert. Warum gerade dort?

Anders Arhoj: Ich bin nach Japan gezogen, um japanisch zu studieren.

Watashi mo.

Hontōni? Bikkuri shita! Sugoi ne.

Was hat dich denn auf die Idee gebracht?

Ich habe als Artdirektor für das Kinderfernsehen gearbeitet. Nach drei Jahren wollte ich etwas Anderes machen. Ich habe meinen Job gekündigt, meine Wohnung vermietet und bin nach Japan gezogen. Das war eine krasse Veränderung! Das war im Jahr 2005, damals bin ich als Ausländer in Japan wirklich aufgefallen, da war alles noch nicht so international wie jetzt. Ich bin ein Jahr lang dort geblieben und Japan und die japanische Keramik haben mich sehr inspiriert.

Was hat dich an der japanischen Keramik fasziniert?

Damals war es bei uns in Europa modern, sehr minimalistische, beinahe industrielle Keramik zu machen, ganz schlicht, in Weiß oder Grau, beinahe ohne Glasur. Die traditionellen Töpfertechniken waren bei uns nicht mehr angesagt. Und in Japan hat traditionelles Handwerk noch eine sehr große Rolle gespielt.

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Das Interview führt homtastics-Co-Gründerin Anna.

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Du hast als Grafikdesigner gearbeitet. Was hat dich zur Keramik gebracht?

Ich hatte mehrere Freunde, die in Kopenhagen Töpfer oder Keramikdesigner waren. 2008 oder 2009 habe ich angefangen, mit ihnen zusammen Projekte umzusetzen. 2010 habe ich eine junge Frau kennengelernt, die das traditionelle Töpferhandwerk gelernt hatte. Wir haben uns an den Wochenenden mit Keramik beschäftigt – ich habe meine Ideen mitgebracht und sie gefragt, ob sie das umsetzen kann. Um es kurz zu machen, wir haben unsere Entwürfe auf einer Messe präsentiert und gemerkt, dass die Ideen gut ankommen. 2013 habe ich dann mein eigenes Studio gegründet. Sie wollte nicht mit einsteigen, weil sie als Kunsttöpferin arbeiten wollte und ich etwas Größeres vorhatte. So ist „Studio Arhoj“ entstanden.

Hast du die ganzen Techniken denn auch gelernt?

Ja, ich habe eine Töpferschule besucht. Nebenbei habe ich als Freelancer gearbeitet, deshalb hatte ich Zeit, um tagsüber Töpferunterricht zu nehmen.

Wie hast du deine Design-Sprache, diese typische „Studio Arhoj“-Handschrift gefunden? Musstest du dafür erst die Techniken und das Handwerk beherrschen?

Nein, du musst zuerst eine Vision haben. Du musst erst herausfinden, wer du als Designer bist und eine Stimme haben, ansonsten kopierst du nur andere. Ich denke, meine Produkte sehen so aus wie sie aussehen weil ich zuerst Grafikdesigner war. Ich habe Kinderbücher illustriert. Das hat meine weitere Arbeit sehr inspiriert, ebenso wie die japanische Keramik. In Japan gibt es große Geschäfte, in denen Kunsthandwerker ihre Arbeiten verkaufen und die Menschen sind bereit, viel Geld für Handarbeit zu bezahlen. So etwas gibt es hier nicht. Hier muss alles immer günstiger sein.

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Im Studio wird getöpfert, glasiert, gebrannt und verpackt. Insgesamt 14 Mitarbeiter arbeiten hier.

 

Du musst erst herausfinden, wer du als Designer bist und eine Stimme haben, ansonsten kopierst du nur andere.

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Im Trockenraum (Foto links) trocknet die Keramik mehrere Wochen lang. Direkt hinter dem Ladenbereich befinden sich die Arbeitsplätze der insgesamt drei Töpfer (rechts).

Was ist die Philosophie von „Studio Arhoj“?

Freiheit. Wir haben keine Investoren, das Studio gehört mir, ich bin unabhängig und kann tun, was ich will. Ich kann auch Dinge machen, die sich nicht gut verkaufen, die mir aber wichtig sind. Und wir machen eine Menge Sachen, die sich nicht verkaufen, die wir aber für wichtig halten. Mit manchen Produkten verlieren wir eher Geld als dass wir Gewinn machen.

Was sind deine persönlichen Favoriten?

Ich liebe immer noch meine „Ghosts„. Ich mache sie jetzt seit neun Jahren, aber ich sehe immer wieder einen und denke „Oh, der ist anders!“ – und das macht mir Freude. Es macht Spaß zu sehen, dass man immer neue Charaktere aus derselben Form kreieren kann. Und ich liebe die „Chug Mugs„. Sie haben einfach eine so gute Form.

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Die „Ghosts“ (Foto rechts) gehören zu den Klassikern von Studio Arhoj.

 

Wir haben keine Investoren, das Studio gehört mir, ich bin unabhängig und kann tun, was ich will. Ich kann auch Dinge machen, die sich nicht gut verkaufen, die mir aber wichtig sind.

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Würdest du sagen, dass dich auch japanisches Character Design beeinflusst – im Hinblick auf die Figuren?

Auf eine Weise haben mich Manga und Anime beeinflusst, zum Beispiel die bunten, starken Farben. Auch der niedliche „Kawaii“-Stil hat mich in gewisser Weise beeinflusst, aber ich bin immer weniger an oberflächlichem Character Design interessiert. Plastikfiguren und Vinyl Toys, die manche Leute sammeln, mag ich nicht und finde ich unmodern.

Was mich bei deiner Arbeit an japanisches Character Design erinnert, ist, dass du Dinge, die normalerweise nicht als Figuren oder Charaktere wahrgenommen würden, in solche verwandelst. Zum Beispiel die Ziegelsteine oder die Test-Stücke.

Das ist sehr japanisch, das stimmt. In Japan findet man einfach überall Charaktere und alles Mögliche bekommt Augen oder ein Gesicht – Zahnpasta oder Küchenrolle, zum Beispiel. Ich glaube, es geht darum, Dinge mit Leben und mit Humor zu füllen. Wir nehmen uns nicht zu ernst. Wir versuchen, immer etwas Neues zu machen.

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Ein Glasur-Spezialist im Studio versieht Becher mit Farbglasur. Immer mittwochs werden Glasuren ausprobiert.

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Was ist die größte Herausforderung bei eurer Arbeit?

Wir finden nicht genügend gute Mitarbeiter. Wir können nicht mit der großen Nachfrage mithalten und gleichzeitig Innovationen kreieren. Wir können nicht wochenlang herumexperimentieren, denn dann verdienen wir kein Geld. Und wir müssen die Gehälter unserer Mitarbeiter und die Miete hier zahlen können.

Wie entwickelt ihr denn Innovationen? Kann jeder Mitarbeiter Ideen beitragen?

Ich habe einen riesigen Stapel an Ideen auf dem Tisch, unser Problem ist eher, sie alle umzusetzen … Wir haben ja auch keine klassischen Saisons, in denen wir neue Kollektionen herausbringen. Wir haben zwar einen Katalog, aber wir folgen mit unseren Neuheiten keinem Rhythmus. Wir launchen immer dann Neuheiten, wenn wir etwas produzieren können, das wir mögen.

Wann kommen dir die besten Ideen?

Das kann jederzeit passieren. Meistens sehe ich ein neues Produkt vor meinem inneren Auge. Dann zeichne ich es, um die Idee festzuhalten. In der Regel testen wir ein neues Produkt zunächst in einer kleinen Auflage – entweder online oder hier im Laden – um zu schauen, wie es ankommt. Wenn die Nachfrage richtig gut ist, schauen wir, ob wir das Produkt in Massen produzieren und an Stores verkaufen können. Wir sind in rund 200 Stores weltweit vertreten. Das ist toll, aber auch nicht leicht, weil man seine Produkte an die Läden mit einem Rabatt von 60% verkaufen muss, damit sie auch noch Gewinn machen können.

Wir sind in rund 200 Stores weltweit vertreten. Das ist toll, aber auch nicht leicht, weil man seine Produkte an die Läden mit einem Rabatt von 60% verkaufen muss, damit sie auch noch Gewinn machen können.

Wie wichtig sind traditionelle Techniken für euch?

Wir beschäftigen uns viel mit ihnen. Wir werfen den Ton, wir drehen von Hand, wir befassen uns viel mit Glasuren und der Chemie, die dahinter steckt. Warum verläuft eine Glasur genau so? Warum sieht sie nach dem Brennen genauso aus? … Unsere Töpfer kennen die alten Techniken, weil sie ihr Handwerk in den 70er-Jahren gelernt haben. Aber die Absolventen der Designschulen kennen sie nicht mehr, weil sie an den Designschulen nicht gelehrt werden. Und die Herausforderung ist ja beides zu kombinieren: originelle Ideen mit gut beherrschtem Handwerk und Techniken.

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An der Töpferscheibe entsteht eine „Yuki“-Vase.

Erzähl‘ mal vom „Fire Lab“. Was genau ist das?

Das habe ich vorhin schon angesprochen: Es ermöglicht uns, herumzuspielen und mit neuen Dingen zu experimentieren. Die Produkte, die dabei entstehen, sind so „nischig“, dass wir sie nie an Stores verkaufen werden, weil sie nicht jedem gefallen. Gerade habe ich braune Becher im 70er-Jahre-Stil gemacht. Braun verkauft sich überhaupt nicht gut. Aber wir dachten, wir machen zehn Stück, verpacken sie in schönen Holzkisten mit handgeschriebenen Karten, dann kaufen sie vielleicht zehn Menschen auf der Welt. Das ermöglicht uns, neue Ideen und Techniken auszuprobieren. Es geht auch darum, unseren Fans zu zeigen, dass wir eine Design-Ästhetik haben, die nicht super mainstream sein muss. Ich denke, ein Teil unseres Erfolgs hängt auch damit zusammen, dass wir unterhalten.

Über eure digitalen Kanäle?

Ja, genau. Da spielt Storytelling eine große Rolle. Es reicht nicht, eine Marke zu sein und Produkte zu verkaufen. Auf Instagram haben wir mittlerweile eine große Fangemeinde und ich denke, das liegt auch daran, dass wir nicht nur verkaufen wollen, sondern auch Geschichten erzählen und inspirieren wollen.

Auf Instagram haben wir mittlerweile eine große Fan-Gemeinde und das liegt auch daran, dass wir nicht nur verkaufen wollen, sondern auch Geschichten erzählen und inspirieren wollen.

Wie viel Zeit verbringst du persönlich hier im Studio? Dein Job ist ja sehr vielseitig.

Das stimmt. Ich fotografiere alle Produktfotos für den Online-Shop, ich manage unseren Instagram-Kanal – zusammen mit meinem Partner, Joe. Ich kümmere mich um das Team und alle Personalfragen. Ich bin Geschäftsführer. Ich bin Designer. In der Regel bin ich auch samstags und sonntags hier, um Dinge nachzuarbeiten und vorzubereiten, damit die Arbeit montags einfacher läuft.

Du arbeitest also immer?

Früher hatte ich dienstags frei, aber das geht leider nicht mehr. … Aber das ist auch Teil unseres Erfolges. Ich denke wirklich, je härter du arbeitest, desto erfolgreicher bist du.

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Anders Arhoj arbeitet nebenbei noch immer als Illustrator – zum Beispiel für eigene Kinderbücher.

 

Ich denke wirklich, je härter du arbeitest, desto erfolgreicher bist du.

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Die Öfen, in denen die Keramik gebrannt wird, arbeiten mit unterschiedlichen Temperaturen – je nach Produkt – und brennen immer über Nacht.

Manche Leute stellen sich das in der Kreativbranche ja anders vor.

Manche Leute denken, man müsse nur die richtigen Leute kennen oder sich selbst attraktiv erscheinen lassen. Das stimmt nicht. Ich denke, wenn du gute Arbeit leistest, dann wird man auf dich aufmerksam, und dann wirst du irgendwann auch Erfolg haben. Aber „hart arbeiten“ meint nicht nur die Arbeitszeit, sondern auch, dass man sich permanent bemüht, smart zu sein, und nachhaltig zu denken. Es geht auch um die wirtschaftliche Seite. Du kannst nicht kreativ sein und du hast keine Freiheit, wenn du kein Geld verdienst. Denn dann wirst du letztlich dazu gezwungen sein, dich aufkaufen zu lassen, oder du musst super mainstream werden. Dein Business muss also nachhaltig sein, damit du es dir leisten kannst, Experimente, Spielereien und auch Fehler zu machen. Und es ist sehr wichtig, Fehler zu machen – denn wie findest du sonst neue Wege und neue Arten, Dinge zu tun?

Du kannst nicht kreativ sein und du hast keine Freiheit, wenn du kein Geld verdienst.

Wie wichtig sind Collabs mit anderen Marken?

Sehr wichtig. Mit „Lazy Oaf“ haben wir jetzt zum Beispiel zum ersten Mal Textilien gemacht. Durch solche Collabs kann man auch neue Zielgruppen erreichen. Wir hatten schon Hollywood-Schauspieler hier im Studio und unsere Produkte waren in Netflix-Serien zu sehen. Kürzlich haben wir eine Wand mit Keramikkugeln im neuen Facebook-Headquarter hier in Kopenhagen installiert. 600 Keramikkugeln, das ist großartig. Etwas in der Art würde ich gerne mehr machen.

Welche Pläne hast du für die Zukunft?

Es wird immer schwieriger, erfolgreich und einzigartig zu sein. Denn sobald du etwas online postest, machen es andere Leute nach. Das ist ja auch in Ordnung, aber das passiert sehr schnell. Nach zehn Minuten haben es schon alle Menschen gesehen und wollen wieder etwas Neues. Das ist nicht gut und nicht gesund. Dieses ständige Bedürfnis nach Neuem ist schlecht für die Welt, das ist nicht nachhaltig. Wir versuchen, da nicht mitzumachen und unserem eigenen Rhythmus zu folgen. Es passiert einfach, wenn es passiert. Wir arbeiten aktuell an rund 50 neuen Produkten, aber sie brauchen Zeit und wir lassen uns nicht unter Druck setzen. Unser Plan ist einfach, weiterhin unabhängig zu sein. Darin liegt auch der Spaß!

Vielen Dank für das Gespräch, Anders!

 

Hier findet ihr Studio Arhoj:

 

Fotos: Shahab Ghanavati

Layout: Kaja Paradiek

 

1 Kommentar

  • Marle sagt:

    Tolles Interview! Ich bin großer Fan, war aber selbst noch nie im Studio. Steht nach dem Interview mit diesem super sympathischen und klugen Menschen noch weiter oben auf der Liste für den nächsten Kopenhagen-Besuch.

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