Undercover-Einsatz im Tierversuchslabor „LPT“: Ein Tierschützer packt aus!

18. November 2019

Vier Monate hat sich Tierschützer Lucas* von der SOKO Tierschutz als Mitarbeiter in das „Laboratory of Pharmacology and Toxicology“ Mienenbüttel bei Hamburg, kurz „LPT“, eingeschleust und undercover recherchiert. In einem der größten Auftragslabore für Tierversuche in Deutschland musste er miterleben, wie Affen täglich fixiert werden und stundenlang schreien, blutverschmierte Beagles in ihren kargen Käfigen vor sich hin vegetieren und Katzen grundlos getötet werden. Bis März 2019 filmte der Aktivist Verstöße gegen die gesetzlichen Vorschriften für Tierversuche und gegen das Tierschutzgesetz. Die Videos und Fotos wurden im Anschluss verbreitet, wodurch eine große Protestwelle ins Rollen gebracht wurde. Der Einsatz hat sich gelohnt: Das Labor soll laut internen Dokumenten, die dem SOKO Tierschutz vorliegen, im Frühjahr 2020 geschlossen werden. Zwei weitere Labore in Hamburg-Neugraben und Löhndorf in Schleswig-Holstein werden allerdings weiterhin betrieben und sollen sogar ausgebaut werden. Wir wollten von dem Aktivisten wissen, wie man es als Tierliebhaber schafft vier Monate in dem Horror-Labor zu verbringen, welche Menschen dort freiwillig arbeiten und wie wir alle aktiv werden und gegen diese Missstände vorgehen können.

*Name von der SOKO Tierschutz geändert

Achtung: Der folgende Artikel enthält Bilder, die explizites Tierleid darstellen und daher für manche Menschen verstörend sein könnten.

homtastics: Du bist Mitglied der Organisation „Soko Tierschutz“ und konntest dich für vier Monate in das “LPT”-Labor in Mienenbüttel bei Hamburg einschleusen. Das Labor gilt allgemein als unzugänglich. Wie hast du es geschafft, an den Job zu kommen?

Lucas: Das war gar nicht so schwierig. Ich war überrascht, dass dort Leute angestellt werden, die keine beziehungsweise kaum praktische Erfahrung mit Tieren haben. Offenbar haben sie ziemliche Personalprobleme.

In welcher Funktion hast du im Labor gearbeitet und was waren deine Aufgaben?

Ich war Tierpflegerhelfer, also ungelernter Tierpfleger. Ich musste die Käfige reinigen, Tiere zum Versuch oder zur Tötung bringen und die Tiere füttern und beobachten.

Am ersten Tag wollte ich nur noch weg.

War für dich von Anfang an klar definiert, dass du vier Monate in dem Labor undercover recherchieren wirst?

Nein, am ersten Tag wollte ich nur noch weg. Ich glaube am Ende hat SOKO die Sache auch beendet, weil die psychische Belastung für mich zu heftig wurde. Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich aber auch schon viel Beweise gesammelt.

Man kommt in eine fremde, fast schon surreale Welt, in der alles erlaubt, was sonst verboten ist. Es ist krank.

Hattest du zwischenzeitlich Bedenken, dass deine Identität auffliegen könnte oder du bei der Dokumentation erwischt wirst?

Ich hatte keine Angst, dass meine Identität auffliegen könnte, da mein Cover kugelsicher war. Aber es ist defintiv riskant, in so einem Labor zu filmen. Die sind dort total paranoid. Ich musste mich sehr zusammenreißen, als mir eine Mitarbeiterin erzählte, dass sie dort alle Angst vor Undercover-Recherchen von Tierschützern hätten, aber sowas zum Glück noch nie gelungen sei.

Du erinnerst dich mit Sicherheit noch an deinen allerersten Tag im Labor. Wie hast du diesen erlebt?

Als Albtraum, eine Art Gefängnis, Todeslager. Friedrich Mülln von der SOKO Tierschutz, der mich betreut hat, hat lange gebraucht, um mich zu beruhigen. Man kommt in eine fremde, fast schon surreale Welt, in der alles erlaubt, was sonst verboten ist. Es ist krank.

Wie ist das Labor aufgebaut?

Es sind mehrere Hallen, die Hunde leben in nahezu endlosen Reihen mit kahlen Zwingern. Dann gibt es Räume für Affen in Käfigbatterien und Gehege für Katzen. Andere Räume sind für die Versuche und Büros. Es gibt aber auch das „Schlachthaus“, den Sektionsraum und einen Raum mit einem großen Kühlschrank für die Leichen. Drumherum Natodraht, Videokameras und Lichtschranken.

Weißt du, für welche Unternehmen Tierversuche in dem Labor durchgeführt werden?

Ich kenne einige, möchte diese aber aus Datenschutzgründen nicht nennen. Es ist aber alles dabei, von riesengroßen Pharmakonzernen über kleine Biotech-Start-ups bis hin zu staatlichen Einrichtungen wie Kliniken und Universitäten.

Woher stammen die Tiere, die sich im Labor befinden und wie viele Affen, Hunde und Katzen sind es ganz konkret?

Zu meiner Zeit gab es mehr als 250 Affen, 200 Hunde, circa 50 Katzen und einige Kaninchen. Die Affen stammen aus China, die Hunde aus den USA und die Katzen aus Spanien.

Täglich gibt es zahllose Versuche – es ist Fließbandarbeit.

Wie oft finden Versuche an den Tieren statt und was wird getestet?

Täglich gibt es zahllose Versuche – es ist Fließbandarbeit. Schlauch in den Magen, Substanz rein, nächster! Das Gleiche mit Blutentnahmen. Dann gibt es noch Versuche, die seltener sind, wie sogenannte Kreislaufstudien an Katzen oder Langzeit-EKGs, wo ein Hund gezwungen wird eine Art Messanzug zu tragen. Am Ende werden die meisten Tiere getötet.

Auf den Fotos, die uns vorliegen, sieht man Tiere, die getötet und im Müll entsorgt werden. Gibt es auch Tiere, die das Labor lebend verlassen?

So weit ich weiß, nein. Ich habe Gerüchte gehört, dass Mitarbeiter Tiere geklaut haben sollen, weil sie ihnen leid taten.

Die unzähligen Bilder, die du uns zugestellt hast, sind unfassbar erschreckend, du warst live dabei. Wie hast du das psychisch ausgehalten?

Zähne zusammenbeißen und durch. Man durfte auf keinen Fall merken, dass ich darunter leide. Und ich habe gehofft und hoffe, dass sich etwas ändern wird. Ich und meine Kolleg*innen können das nur ertragen, weil wir wissen, dass wir es ändern können.

Wolltest du die Aktion zwischendurch abbrechen?

Nein, dazu war die Chance zu groß, etwas zu bewegen. Ich musste aber eine Woche Zwangspause einlegen, weil mich eine Katze gebissen hatte – der bin ich auf jeden Fall nicht böse.

In den Medien wird vor allem darüber berichtet, dass die Tiere in dem Labor unter unwürdigen Bedingungen gehalten werden. Können deiner Meinung nach Tiere überhaupt unter würdigen Bedingungen in einem Labor leben?

Das ist immer etwas schade. Die Medien und Politiker vergessen, was Tierversuche eigentlich sind, nämlich legale Tierquälerei und eine total primitive veraltete grausame Technik. Bringt aber Kohle und deswegen geht es weiter.

Auf den Social-Media-Plattformen taucht eine Frage besonders häufig auf: Was sind das für Menschen, die in dem Labor arbeiten und mit den Tieren so umgehen?

Das sind keine Monster, manche bezeichnen sich sogar als Tierfreunde. Sie sind zum Beispiel gelernte Schlachter, Militärmusikanten oder kommen aus technischen Berufen. Außerdem sind gelernte Tierpfleger oder auch Laborantenquereinsteiger dabei. Sie sind irgendwie da reingeraten, übers Arbeitsamt, wegen Perspektivlosigkeit oder Geldmangel. Es ist bequem im Labor, die schmeißen eigentlich kaum einen raus, weil sie Angst haben, dass die Person auspackt.

Einer der Mitarbeiter war ein Sadist, aber die anderen sind durch die Arbeit abgestumpft und schützen sich selbst mit Ausreden wie „irgendwer muss es ja tun“ oder „ist ja zum Schutz des Menschen“. Dazu passt allerdings nicht, dass eine Studie, während der Zeit in der ich da war, wahrscheinich manipuliert wurde.

Es ist bequem im Labor, die schmeißen eigentlich kaum einen raus, weil sie Angst haben, dass die Person auspackt.

Wie hast du die Mitarbeiter vor Ort wahrgenommen?

Es sind nette Leute – Monster sind es in der Regel nicht. Viele haben selber Bedenken geäußert und sich gefragt, wie das möglich ist, dass so ein Laden so läuft. Einer der Mitarbeiter war durch seine Kleidung deutlich als Neonazi zu erkennen und hat sich über Hunde lustig gemacht und gesagt „Der Hund bekommt jetzt Reichskristallwasser in den Magen“. Da wäre ich fast auf ihn losgegangen.

Hast du Mitarbeiter erlebt, die Mitleid mit den Tieren hatten?

Ja, mehrfach. Bei den Katzen hat eine sogar geweint und sich weigern wollen.

Euer Einsatz hat mit dazu beigetragen, dass das Labor in Mienenbüttel geschlossen werden soll. Wie ist der aktuelle Stand?

SOKO Tierschutz liegen interne Dokumente vor, die auf eine geplante Schließung des „LPT“-Labors in Mienenbüttel Anfang 2020 hinweisen. Man muss da aber vorsichtig sein. Das kann auch ein Bluff sein, um die Proteste zu schwächen oder zu verhindern, dass die Behörden die Lizenz entziehen.
Es ist noch nicht geschafft. Wir brauchen Druck und jeden auf der Demo.

Wo kommen die Tiere aus Mienenbüttel dann hin?

Aktuell wurden und werden Affen zu einem Primatengroßhändler in die Niederlande gebracht. Das ist ein reiner Laden der Tierversuchsindustrie. Die Hunde und Katzen sind noch in Mienenbüttel und es finden auch noch Tierversuche für einen Pharmakonzern statt.

Es gibt noch zwei weitere Standorte in Löhndorf und in Neugraben. Warum werden diese Standorte nicht ebenfalls dicht gemacht?

Diese Standorte möchte das „LPT“ sogar ausbauen. Das sind die Labore mit den meisten Tieren. Dort leben fast 12.000 Versuchstiere. Es ist noch nicht geschafft. Wir brauchen Druck und jeden auf der Demo.

Welche Gesetzesverstöße hat das Labor konkret begangen?

Die Käfige von einigen Affen waren zu klein, die Hunde und Affen hatten kein Beschäftigungsmaterial und Tiere wurden nicht rechtzeitig erlöst. Dann gibt es noch den Verdacht auf versuchten Betrug. Ein Affe wurde ausgetauscht und wir wurden aufgefordert, falsche Informationen einzutragen. Sicher noch einiges mehr. Ich bin kein Jurist.

Medienberichten zufolge gab es in der Vergangenheit auch Besuche vom Veterinäramt, das angeblich nichts zu beanstanden hatte. Wie kann das sein?

Keine Ahnung, ich war nicht dabei. Aber ich habe bei SOKO bisher mitbekommen, das die Veterinärämter einfach weggucken.

Sind Tierversuche im Jahr 2019 nötig?

Aus meiner Sicht nicht. Sie sind falsch, gefährlich und grausam. Und selbst, wenn man irgendwas rausfinden könnte… Folter kann Informationen bringen, aber wir Menschen haben uns entschieden, das aus ethischen Gründen zu lassen. Das sollten wir auch bei Tierversuchen machen.

Welche Alternativen gibt es?

Ich bin kein Experte. Alles ist besser als dieser Mist. Die Ergebnisse sind einfach Schrott. Tiere reagieren anders auf Giftstoffe als Menschen. Unter Stress, Angst und Einsamkeit erst recht. Und da sie uns da ähnlich sind, müssen diese Versuche enden!

Ist das dein erster Undercover-Einsatz gewesen?

Das ist geheim.

Würdest du es nochmal tun, wenn du gewusst hättest, was dich erwarten würde?

Klar, aber diese Chance bekommt man nur einmal im Leben.

Bitte nervt die Politiker*innen, schreibt Briefe, Emails, nehmt an den Protesten teil.

Mittlerweile wird das Labor wissen, wer die Aufnahmen gemacht hat. Bist du jetzt erstmal untergetaucht beziehungsweise warst du mit einer anderen Identität dort?

Ich werde geschützt, SOKO passt auf seine Leute auf. Ich habe generell aber kein Recht gebrochen, um da rein zu kommen.

Am 16. November findet eine zweite große Demo statt. Wie können wir/ unsere Leser*innen noch mehr Druck auf das Labor und die Politik ausüben, außer am 16. November mit auf die Straße zu gehen?

Bitte nervt die Politiker*innen, schreibt Briefe, Emails, nehmt an den Protesten teil. Bald sind Wahlen in Hamburg, die Parteien müssen merken, das Versagen beim Tierschutz Ärger bedeutet. Dann weiß ich, dass mein Einsatz nicht umsonst war.

Ich rate jedem, sich rein pflanzlich, also vegan zu ernähren, denn dann lässt sich das alles besser ertragen. Mein Kollege sagt immer, dass man Teil der Lösung und nicht Teil des Problems sein sollte. Denn das Leid der „LPT“-Hunde, der „Wiesenhof“-Hühner und der Milchkühe hat gemeinsam, dass sie alle leiden und zwar umsonst.

Danke für das Interview!

Hier findet ihr die SOKO Tierschutz:

Fotos: Soko Tierschutz

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