Hairstylist Philipp Hofstetter: “Für Kreativität ist der Zufall die wichtigste Zutat”

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Er wollte Sänger werden, Modedesigner und sogar mal Landschaftsarchitekt: Philipp Hofstetter hat viel ausprobiert, bevor er seinen Beruf und seine Berufung fand. Heute ist er ein gefragter Friseur und Make-up Artist, der schon Hillary Clinton gestylt hat und regelmäßig Weltstar Vicky Leandros auf ihren Tourneen begleitet. Trotzdem ist er absolut auf dem Teppich geblieben. Wir haben den bescheidenen und überaus sympathischen gebürtigen Bayer in seiner großzügigen Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg besucht und mit ihm darüber gesprochen, welche Bedeutung der Zufall in seinem Leben hat, warum ihm die Beratung seiner Kunden so wichtig ist, weshalb er auf Designermöbel lieber verzichtet und wieso er freie Tage so gerne in der Badewanne verbringt. Philipps Weg zur Arbeit ist kurz: Es sind nur ein paar Stufen, denn die eigenen vier Wände liegen im selben Haus wie sein Laden – ein Glücksfall. Auch das hell und gemütlich gestaltete “beauty department”, Philipps Salon, durften wir uns anschauen.

 

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Das Interview führt unsere femtastics-Autorin Katharina Rudolph. “Der ausgestopfte Raubvogel an der Wand ist vom Opa meines Ex-Freundes, der war Förster.”, erklärt Philipp.

homtastics: Schaust du Menschen als erstes auf den Kopf?

Philipp Hofstetter: Ja. Ich kann aber meinen beruflichen Blick im Privaten ausschalten. Also, ich habe euch beiden noch nicht … Jetzt fange ich schon damit an (lacht) … Nein, in der Regel schaue ich außerhalb meiner Arbeit nicht, wie gut oder schlecht die Haare von einer Person geschnitten sind. Außer es ist sehr auffällig, da kann ich natürlich nicht weggucken.

Was war zuerst da, der Laden oder deine Wohnung?

Zuerst der Laden. Im Herbst habe ich den seit acht Jahren. Ich habe aber schon immer hier im Kiez gewohnt, mal hier, mal dort. Früher ist man in Berlin ganz oft umgezogen, weil alles so günstig war. Das war fast ein Hobby, dass man seine Wohnsituation ständig verbessert oder eine Ecke gefunden hat, wo’s noch schöner war. Ich habe bewusst auch hier einen Laden gesucht, weil es in dieser Gegend noch keinen Friseur gab, der ein bisschen exklusiver war. Irgendwann wurde in diesem Haus, in dem mein Laden ja in einer ganz normalen Wohnung liegt, eine zweite Wohnung frei. Da bin ich eingezogen.

Stresst dich das nicht manchmal, dass Wohnen und Arbeiten so nah beieinander liegen?

Nö, überhaupt nicht. Ich kann das super trennen. Meine Work-Life-Balance ist – auch wenn ich das Wort irgendwie komisch finde – eigentlich perfekt. Gerade, weil ich so kurze Wege habe, verliere ich nicht viel Zeit. Da wir keine festen Öffnungszeiten haben, geht’s einfach am Dienstag morgens um zehn Uhr los und dann schaue ich, wie sich die Woche entwickelt. Es gibt Tage, an denen bleibe ich sehr lange, ab und zu gehe ich aber auch früh. Wenn ich keine Kunden habe, bin ich nicht da. Das ist ein sehr effektives Arbeiten und ein Vorteil einem Salon gegenüber, der im Erdgeschoss ist, auf Laufkundschaft-Ebene. Wenn der Öffnungszeiten von 10 bis 21 Uhr hat, muss auch jemand da sein. Egal, ob Kunden kommen oder nicht.

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Gibt es Tage, an denen du gar keine Lust hast, zur Arbeit zu gehen?

Ich mache etwas, das mir gefällt – auch wenn sich das eher durch Zufall ergeben hat. Klar, es ist auch anstrengend. Aber ich muss nicht überlegen, ob ich Lust habe, zur Arbeit zu gehen oder nicht. Ich kann meinen Job außerdem auch machen, ohne groß darüber nachzudenken. Der reine Salon-Alltag ist ja schon etwas, das den Kopf nicht so wahnsinnig anstrengt. Ich bin kein Autor, der ein kompliziertes Buch schreiben muss. Damit möchte ich nicht sagen, dass Friseur ein einfacher Beruf ist. Im Gegenteil, es ist ja sehr technisch, chemisch und man braucht viel Erfahrung. Aber es ist eben zu großen Teilen ein Handwerk, das man gelernt hat. Weil der Job aber auch viel mit Kreativität zu tun hat, finde ich ihn eigentlich die ganze Zeit schön. Und man sieht sofort ein Ergebnis und bekommt Feedback. Das kann zwar auch mal negativ sein, aber in der Regel bekomme ich positive Resonanz.

Du sagtest vorhin, dass du durch Zufall Friseur geworden bist …

Ich war relativ lange in der Schule (lacht), ich habe drei Ehrenrunden gedreht. Ich bin zwar gern zur Schule gegangen, aber war auch ziemlich faul. Die linke Seite vom Zeugnis war eher schlecht, die rechte sehr gut. Da standen die kreativen Fächer. Ich dachte anfangs immer, ich will mal Landschaftsarchitektur studieren.

Das ist ein eher ungewöhnlicher Berufswunsch. Wie kamst du darauf?

Meine Eltern haben einen schönen Garten, den ein Landschaftsarchitekt mit angelegt hat. Das fand ich als Kind ganz toll. Ich war in der Fachoberschule in Bayern, ich komme ja aus der Nähe von Bayreuth. In der elften Klasse hatten wir Schule und Praktikum im Wechsel. Meiner Meinung nach ist das ist die beste Schulform, wenn man alles ausprobieren kann. Ich war im Bayreuther Festspielhaus, in Werbeagenturen, in einem Mode-Atelier und in einem Landschaftsarchitekturbüro. Da habe ich aber festgestellt, dass das mehr ein Bürojob und man gar nicht viel im Garten ist. Ich wollte auch mal eine Gesangausbildung machen. Nacheinander ist dann irgendwie alles weggefallen. Nach dem Abi dachte ich, ich könnte Kommunikationsdesign studieren. Aber ich hatte keinen Bock mehr, so stupide zu lernen. Ich habe schon immer gejobbt, war Skilehrer oder habe Brötchen verkauft. Irgendwann wurde mir klar: Ich bin mehr ein Arbeiter. Aber ich wusste nicht, was ich mit dieser Erkenntnis machen soll.

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Ich mache etwas, das mir gefällt – auch wenn sich das eher durch Zufall ergeben hat. Klar, es ist auch anstrengend. Aber ich muss nicht überlegen, ob ich Lust habe, zur Arbeit zu gehen oder nicht.

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Das Geschirr hat Philipp von seiner Oma bekommen – und erinnert ihn jetzt immer an sie.

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Und wie bist du dann auf den Friseurberuf gekommen?

Ich habe meinen Freundinnen neben der Schule Frisuren gemacht und meinem kleinen Bruder die Haare gefärbt, auch wenn er das nicht wollte. Dann meinte meine Mum: Mach doch ‘ne Friseurausbildung. Ich so: Ja, klar, ich mach ‘ne Friseurausbildung. Ich konnte mir nicht vorstellen, was dieser Beruf einem ermöglicht. Ich habe es aber trotzdem probiert und eine Bewerbung mit Fotos von meinen Frisuren gemacht. Das musste alles schnell gehen, es war August, die Ausbildung begann im September. Viele bewerben sich ein Jahr vorher. Ich habe damals in einem Gospelchor gesungen, da war ein Friseur dabei, der meinte: Du musst dich unbedingt bei Udo Walz bewerben, die nehmen dich sofort. Also habe ich eine Bewerbung hingeschickt – und direkt eine Absage gekriegt. Die waren schon voll.

Wie ging es dann weiter?

Beim Probearbeiten musste ich überall die Frisuren aus meiner Bewerbung zeigen, weil keiner geglaubt hat, dass ich die selber gemacht hatte. Bei einem Laden in Bayreuth gefiel es mir am besten, da wollte ich anfangen. Irgendwann hat mein Handy geklingelt und das Büro Udo Walz war dran. Die meinten, dass jemand abgesprungen sei und ob ich nicht Interesse hätte. Ich meinte: Nö, ich habe schon eine Stelle. Ja, okay, Tschüss (lacht). Dann dachte ich: Was hast du da jetzt eigentlich abgesagt? Also habe ich wieder angerufen, gesagt, dass ich noch gar nichts unterschrieben habe und gefragt, ob ich es mir anschauen könne. Weil meine Eltern gerade im Urlaub waren und ich kein Geld hatte, habe ich mir von meiner Oma 300 Euro geliehen und bin mit meinem damaligen Freund nach Berlin gefahren. Das Wochenende drauf bin ich nach Berlin gezogen.

Ohne den Vorschlag deiner Mutter wärst du also vielleicht nie Friseur geworden.

Ja, vielleicht ist das so. Bei mir ist sehr viel zufällig entstanden. Für Kreativität ist der Zufall eh die wichtigste Zutat.

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Die großen Papageienbilder hat Philipp selbst gemalt! Multitalent, oder was?

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Irgendwann hat mein Handy geklingelt und das Büro Udo Walz war dran.

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Und deine Kreativität lebst du auch in deiner Wohnung aus?

Ja, ich liebe es, alles umzustellen. Meine Freunde rennen, wenn sie mich besuchen, meistens immer einmal herum und gucken, was sich wieder verändert hat.

Kommen oft neue Stücke dazu?

Eigentlich eher selten, ich habe schon seit Jahren dieselben Möbel. Okay, eine neue Errungenschaft habe ich, einen Teppich aus Marokko. Meine beste Freundin ist mit einem Marokkaner verheiratet und macht dort Yoga Retreats. Ich besuche sie oft. Marokko ist mein Lieblingsort, ich war schon siebenmal da. Im Souk bin ich in einem Laden gelandet und da ist mir der Teppich sofort ins Auge gesprungen. Ich wollte eigentlich den Teppich unter meinem Wohnzimmertisch ersetzen. Dann habe ich den neuen hingelegt und fand es fürchterlich, manchmal vertut man sich eben. Ich habe ihn also überall anders hingeworfen und durch Zufall ist er da gelandet, wo er jetzt ist: unter einem Sessel in meinem Erker. Da gefällt er mir. Jetzt sitze ich morgens im Sessel, trinke meinen Kaffee, ziehe die Socken aus und stelle die Füße auf den Teppich. Das ist mein Morgenritual.

Was fasziniert dich an Marokko?

Es gibt Orte, da steigt man aus dem Flugzeug und fühlt sich wohl, obwohl man das Land gar nicht kennt. Ich habe den Flughafen von Marrakesch verlassen und dachte: Ach, schön! Es ist meist warm in Marokko, nicht so smogig, das Essen ist toll und man kommt in ein paar Stunden hin. Trotzdem ist man auf einem anderen Kontinent mit einer anderen Kultur und Sprache. Es ist auch sehr entschleunigend. Wenn man in einem schönen Riad wohnt mit einem kleinen Innenhof, alles so offen, das finde ich toll. Da ich mittlerweile einiges kenne, bin ich nicht mehr ständig unterwegs, sondern auch mal nur im Haus und lese. Das genieße ich, weil ich sonst wenig Zeit dafür habe.

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Die freistehende Badewanne im Schlafzimmer hat Philipp sich explizit gewünscht.

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Ich bin eigentlich sehr unordentlich, auch wenn man das nicht sieht. Das funktioniert nur, weil ich einen Raum habe, in den ich alles reinschmeiße. Dann kann ich mich in den anderen Zimmern zusammenreißen, obwohl ich eigentlich ein Sammler bin.

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Inspirieren dich solche Reisen auch für deine Einrichtung?

Ja, ich verliere mich aber auch mal auf Instagram. Und vor allem liebe ich es, Magazine anzuschauen. Ich bleibe gern mal einen ganzen Sonntag im Bett, gucke Filme und lese Zeitschriften.

Hast du dann nie das Bedürfnis, etwas von dem zu kaufen, was du da siehst?

Nein, eigentlich nicht. Klar, es gibt schon Sachen, die ich gern hätte. Eine bestimmte Lampe zum Beispiel, die ich mir aber nicht leisten kann. Aber ich will auch nicht alles so vollladen. Ich bin eigentlich sehr unordentlich, auch wenn man das nicht sieht. Das funktioniert nur, weil ich einen Raum habe, in den ich alles reinschmeiße. Dann kann ich mich in den anderen Zimmern zusammenreißen, obwohl ich eigentlich ein Sammler bin. Bei meinem letzten Umzug habe ich mich auch von vielen Sachen getrennt. Jetzt versuche ich, es ein bisschen puristischer zu halten.

Es sieht bei dir weder nach typischen Möbelhäusern noch nach Designklassikern aus … Wo kommen deine Möbel her?

Ja, Designklassiker sind nicht so meins. Obwohl viele unheimlich schön sind. Aber ich habe nicht so ein Interesse an Dingen, die jeder hat. Das finde ich langweilig. Den Esstisch und die Stühle habe ich einer Freundin abgekauft. Ich weiß nicht genau, welche Labels es sind, auf jeden Fall skandinavisch. Die kleine antike Kommode habe ich von meinen Eltern mitgenommen. Ein paar Sachen sind auch von meinem Ex-Freund, wir hatten eine gemeinsame Wohnung, da ist viel übrig geblieben.

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Offenbar magst du Sachen, die eine Geschichte haben. Wem hat das blau-weiße Geschirr gehört? Und warum steht es mitten auf dem Tisch?

Das ist von meiner Oma. Sie ist leider vor einiger Zeit ins Heim gekommen und da durfte sich jeder von uns Enkelkindern etwas aussuchen. Ich habe das Geschirr genommen. Da gibt es Schalen, Teller, zig Teekannen, sogar ein Süßstoffdöschen. Teilweise habe ich das in Schubladen verstaut, aber für den Rest hatte ich keinen Platz mehr. Da dachte ich: Stell’s halt erst mal auf den Tisch. Ich fand es gleich super, schließlich gehört Geschirr ja auch dort hin. Und wenn es da so steht, erinnert es mich immer an meine Oma, die es mir ganz am Anfang ja ermöglicht hat, hier nach Berlin zu fahren.

Hast du es gern wie im Hotel? Oder warum steht in deinem Schlafzimmer eine Badewanne?

Ja, ich wollte es ein bisschen wie im Hotel haben. Es gab aber auch pragmatische Gründe. Ich hätte immer schon gern Dusche und Badewanne gehabt. Das geht in den Berliner Bädern aber meist schlecht, weil die so schlauchförmig sind. Als ich in die Wohnung gezogen bin, musste sie glücklicherweise saniert werden, da konnte ich mir gewisse Freiheiten nehmen. Da habe ich überlegt, dass man die Wanne ins Schlafzimmer holt, damit im Bad Platz für die Dusche ist. Nach langer Diskussion hat mein Vermieter mitgemacht. Die Badewanne ist ein großer Teil von meinem Leben, weil ich dort ganz viel Zeit verbringe. Ich habe schon immer gern gebadet. Früher, als ich noch keine Wanne hatte, habe ich manchmal sogar bei meiner Nachbarin gebadet. Heute stehe ich an freien Tagen oft morgens auf, trinke Kaffee, lese, gehe in die Wanne und dann wieder zurück ins Bett.

Bist du ein Stubenhocker?

Ja, ich bin gern zu Hause, ich muss nicht immer raus. Ich mache auch viel Sport und bin gern unterwegs. Aber ich habe auch kein Problem damit, wenn das Wetter gut ist einfach zu Hause zu sein und zu denken: Ach, es ist doch schön hier.

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Hast du während deiner Ausbildung bei Udo Walz – abgesehen vom Haare Machen natürlich – etwas Besonderes mitgenommen, gelernt?

Ich fand bei Udo Walz sehr schön, dass man, wenn man etwas konnte, auch als Azubi direkt mitarbeiten durfte. Ich hatte schon nach einem Jahr einen eigenen Kundenstamm. Und es war natürlich aufregend, auf gewisse Persönlichkeiten zu treffen. Auch wenn man denen vielleicht nur die Haare gewaschen hat.

Welchem Promi hast du am liebsten die Haare gewaschen?

Also ich habe Angela Merkel immer die Haare gewaschen. Und ich habe, allerdings nicht bei Udo Walz, sondern als ich schon meinen eigenen Laden hatte, zweimal Hillary Clinton die Haare gestylt. Das war ziemlich aufregend.

Wie kommt man dazu, Hillary Clinton zu frisieren?

Ich habe der Frau des letzten US-Botschafters immer die Haare gestylt. Sie hatte mich empfohlen. Bei Hillary Clinton habe ich geföhnt und gestylt. Das macht man immer im Hotel. Solche Menschen haben ja keine Zeit, man hat zwanzig Minuten, wie auf einer Modenschau, zack, zack, zack. Ich habe ihr an zwei Tagen die Haare gemacht.

Und wie ist Hillary Clinton so?

Das ganze Drumherum war sehr professionell. Beim ersten Mal haben wir uns gar nicht unterhalten, weil sie sich da auf ihre Buchpräsentation vorbereitet hat. Am zweiten Tag haben wir viel gequatscht. Sie war zuvorkommend, interessiert und sehr unkompliziert.

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Philipps Laden findet sich in der Gneisenaustraße 58, im ersten Stock.

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Die Kunden haben die Macht, sie entscheiden mit, wer wie viel verdient. Das ist wie bei Lebensmitteln: Wenn ich nicht bereit bin, zum Beispiel für Fleisch etwas mehr auszugeben, dann bekomme ich halt eben etwas Minderwertiges.

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Auf deiner Website steht, dass man in deinem Salon ein “kuratiertes Zusammenspiel von Hairstyling, Beauty, Fashion und Lifestyle” bekommt. Was heißt das?

Erstens kommt man ja nicht in einen normalen Laden. Es ist zwar eine Gewerbefläche, aber es ist ja augenscheinlich eine Wohnung, eher persönlich. Zweitens mache ich eben nicht nur Haare, sondern ich bin auch Make-up Artist. Und drittens findet man bei mir neben Haarpflegeprodukten auch Kosmetik, Kleidung, Accessoires, Handtaschen. Das wechselt ständig. Ich entdecke irgendwo etwas und frage, ob ich das verkaufen kann. Ich mache das einfach aus Spaß.

Gibt es ein besonderes Kriterium bei der Auswahl der Produkte?

Ich verkaufe, was mir gefällt. Aber ich achte darauf, dass Produkte organic sind. In der Haarpflege benutze ich ich seit langem “Kevin Murphy”, eine australische Marke. Die arbeiten gerade daran, alle Verpackungen aus recyceltem Ozeanplastik herzustellen, machen keine Tierversuche, nutzen kaum Parabene und Sulfate. Ich finde es schade, dass viele große Konzerne, die ja mit gutem Beispiel vorangehen könnten, das nicht tun. Da geht es oft nur um Umsatz.

Apropos Umsatz: Man sieht überall diese Zehn-Euro-Friseure und hört, dass man in deiner Branche meist wenig verdient …

Das ist auch so. Aber es hat sich Gott sei Dank etwas geändert. Der Markt an guten Friseuren ist total leer, das habe ich selbst gemerkt, weil ich über ein Jahr einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin gesucht habe. Als ich meine Ausbildung beendet hatte, hätte ich damals nach Manteltarifvertrag etwa 900 Euro brutto verdient. Ich habe glücklicherweise bei Udo Walz mehr bekommen, aber das war nicht die Regel. Von 900 Euro brutto kann kein Mensch leben. Man wird fast gezwungen, Leuten die Haare zu Hause zu schneiden. Mit so niedrigen Löhnen wird Schwarzarbeit gefördert, das muss man ganz offen sagen.

Heutzutage sind die Einstiegslöhne etwas höher. Aber ein Laden muss das auch hergeben. Die Kunden haben die Macht, sie entscheiden mit, wer wie viel verdient. Das ist wie bei Lebensmitteln: Wenn ich nicht bereit bin, zum Beispiel für Fleisch etwas mehr auszugeben, dann bekomme ich halt eben etwas Minderwertiges. Ein Stück Rinderfilet, das fünf Euro kostet, da muss doch jedem klar sein, dass das Tier nicht glücklich war. So ist es mit einem Zehn-Euro-Friseur auch. Dass derjenige, der da arbeitet, kaum Lohn bekommt, ist doch klar. Aber man muss natürlich auch sagen: Es kann sich nicht immer jeder alles leisten.

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Zu deinen Kunden gehört auch die eine oder andere Bekanntheit. Auf deinem Instagram-Account sieht man ein Foto von dir und Vicky Leandros im Privatjet …

Vicky und ich arbeiten seit über zehn Jahren zusammen. Wir haben uns hier in Berlin kennengelernt, mittlerweile ist das eine tolle Freundschaft geworden. Eigentlich bin ich überall dabei, wo Vicky ist, bei jedem Konzert, jedem Fernsehauftritt, jedem Interview. Da mache ich Haare, Styling und Make-up. Ich reise überall mit. Das mag ich wahnsinnig gerne, weil es eine schöne Abwechslung ist zu meinem Laden ist.

Aber das ist doch sicher auch anstrengend, oder?

Ja, das ist ein ganz schöner Spagat. Vicky hat immer eine Tournee in der Vorweihnachtszeit, 2018 waren es über dreißig Konzerte. Das ist auch die Hauptzeit in meinem Laden. Das heißt für mich, sechs Wochen lang sieben Tage die Woche zu arbeiten. Nachts zurück nach Berlin fahren, morgens wenigstens zwei Kunden machen und dann zum nächsten Konzert. In der letzten Woche im Jahr habe ich vielleicht auch mal keine Lust mehr. Da funktioniere ich nur noch. Ich mache meine Arbeit natürlich trotzdem ordentlich, aber der Spaß rückt ein bisschen in den Hintergrund. Aber das ist ja das Schöne am Handwerk: Das kann man einfach, auch wenn man gerade mal nicht so viel Lust hat. Und dann kommt die Lust auch ganz schnell wieder.

Danke, Philipp, für dieses offene, nette Gespräch!

 

 

Hier findet ihr Philipp Hofstetter:

Interview: Katharina Rudolph

Fotos: Sophia Lukasch

Layout: Kaja Paradiek

 

 

 

 

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