“Wir wollen der Umwelt mehr zurückgeben, als wir verbrauchen“ – Mattias Weser vom nachhaltigen Handtuch-Label „Kushel“

13. Mai 2020

Ziemlich verrückt: Die Handtücher von dem Hamburger Label „Kushel“ werden aus einem Holz-Baumwoll-Gemisch hergestellt – und das Unternehmen ist auch noch klima- und ressourcenpositiv! Wir sprechen mit Mattias Weser, der mit den Zwillingsbrüdern John und Jim Tichatschek das Unternehmen gegründet hat und dort für Kommunikation und Relations zuständig ist. Er erklärt uns, wie sie es geschafft haben, mit dieser gemeinsamen Unternehmensphilosophie wirtschaftlich zu sein und wie sie mit ihren Partnern an ihrer Nachhaltigkeitsmission arbeiten. Eines wird schnell klar: Die drei denken und arbeiten super strategisch und tricksen die klassische Wirtschaft mit ihren eigenen Mechanismen aus – spannend!

Die drei „Kushel“-Gründer Mattias Weser, John und Jim Tichatschek beim Bäume pflanzen im Naturschutzgebiet Klövensteen bei Hamburg

homtastics: Ihr revolutioniert die Handtuch-Branche, wie kommt man auf so eine Idee?

Mattias Weser: Wir sind nicht mit der Idee aufgewacht, Handtücher herzustellen. Jim arbeitete schon länger für die Marke „Ethnotek“ und ist auf seinen Zwillingsbruder und mich zugekommen, weil er etwas Eigenes gründen wollte. Allen war ganz klar, dass wir etwas Nachhaltiges machen wollen.

Auch nachhaltige Unternehmen sollten kommunikationspsychologische Mechanismen anwenden.

Was hast du bis zu diesem Zeitpunkt gemacht?

Ich war Brand-Manager bei einem großen Online-Lotto-Anbieter und wollte endlich mal meine Psychologie-Tricks und mein Verkaufswissen aus dieser Zeit für etwas Gutes verwenden. Auch nachhaltige Unternehmen sollten kommunikationspsychologische Mechanismen anwenden.

Links: Das Gründerteam besteht aus Mattias Weser und den Zwillingsbrüdern Jim und John Tichatschek

Wir wollen keinen Trends oder Moden hinterherlaufen, um neue Konsumimpulse zu erschaffen.

Also war euer gemeinsamer Ausgangspunkt, mehr Nachhaltigkeit in euer Leben und in eure Berufe zu bringen?

Wir wollten ein nachhaltiges Produkt entwickeln es über den online-basierten Direktvertrieb testen. Zwar wussten wir, dass durch den Business-to-Customer Online-Vertrieb nicht so viel Umsatz entsteht, man aber dennoch über diesen Kanal herausfinden kann, ob eine Idee funktioniert. Denn wenn man nicht direkt an die Kunden, sondern erst über Händler geht, hat man viel organisatorischen Heckmeck, bevor man auch nur ein Produkt verkauft hat. Wir wollten uns also auf Konsumenten fokussieren und haben uns dann überlegt, welche Rahmenbedingungen das Produkt erfüllen kann.

Welche waren das?

Das größte Problem beim Online-Vertrieb ist die Retourenquote, weil durch verschiedene Passgrößen 30 bis 60 Prozent der Produkte retourniert werden. Das kann „Zalando“ vielleicht stemmen, aber kleinen Unternehmen wie uns bricht das das Genick. Also brauchten wir ein Produkt, das keine Größenproblematik mit sich bringt. Der zweite Gedanke war, dass wir keinen Trends oder Moden hinterherlaufen wollen, um neue Konsumimpulse zu erschaffen. Wir wollten ein zeitloses Produkt haben. So haben wir uns mehrere Produkte überlegt und sind dann relativ schnell auf das Thema Handtuch gekommen.

Ihr seid also sehr analytisch an das Thema herangegangen?

Handtücher sind nicht super fancy. Aber ich habe mir unter anderem diesen Markt angeschaut und gemerkt, dass sich in Sachen Nachhaltigkeit und Online-Vertrieb nicht viel getan hat in den letzten Jahren. Wir wussten, dass Handtücher für einen erfolgreichen Launch alle Gegebenheiten mitbringen.

Woher wusstet ihr, wie man Handtücher macht? Und das auch noch nachhaltig?

Durch klassische Recherche. Wir wollten Handtücher nachhaltiger machen und so sind wir auf die Modalfasern gestoßen, also Rotbuchenholzfasern, die von der Firma „Lenzing“ produziert werden. Wir haben gesehen, dass das die hochwertigste Faser im Bereich Frottee ist, weil sie weich und saugfähig ist und einen geringen Nachhaltigkeits-Impact hat.

Wie habt ihr das recherchiert?

Wir haben die Firma vor Ort besucht und denen unsere Handtuch- und die Vertriebs-Idee vorgestellt. Die haben uns wiederum ein paar Tipps gegeben, wo es die besten Produzenten für nachhaltiges Frottee in Europa gibt, das wir ja auch brauchten. Von den Produzenten haben wir dann vier bis fünf besucht und sind schließlich in Portugal fündig geworden.

Klingt nach einer guten Kombination!

Genau. Mit „Lenzing“ haben wir den perfekten Partner für den Rohstoff Holz. Sie bringen über 80 Jahre Erfahrung mit haben uns mit deren Research- und Development-Team eng zusammenarbeiten lassen. Wir haben uns nur noch um das Design gekümmert. Aber wenn wir nur drei Dudes aus Hamburg wären, die einfach Handtücher machen wollen und kein Nachhaltigkeits-Konzept dahinter hätten, wäre „Lenzing“ und unsere anderen Partner nicht so einfach dabei gewesen.

Was ist das Besondere an euren Handtüchern?

In unseren Handtüchern stecken zu 30% „Lenzing“-Modalfasern und zu 70% GOTS zertifizierte Bio-Baumwolle. In der Oberflächenstruktur, also das, was man auf der Haut spürt, haben wir eine 50:50 Mischung. So kann die Holzfaser die optimale Wirkung erzielen und durch die Baumwolle ist eine Festigkeit gegeben. Die „Unterkonstruktion“ des Handtuchs besteht aus 100% Baumwolle, weil es eben diese Stabilität braucht.

Und diese beiden Basis-Produkte können nachhaltig angebaut werden?

„Lenzing“ bezieht seine Modalfasern direkt dort aus der Umgebung, das ist alles zertifiziert. Sie schicken auch ihre eigenen Leute für Prüfungen raus und sind einfach ultra nerdy im Bereich Nachhaltigkeit. Denn Siegel sind eben nur Siegel. Die Bio-Baumwolle dagegen kommt aus der Westtürkei. Wir gehen zu neuen Kooperationspartnern und fragen: Was ist das Beste, was ihr habt? Wir brauchen einfach das perfekte Produkt, wenn wir mit Nachhaltigkeit auch den Mainstream erreichen wollen.

Der Käufer-Mainstream wird vermutlich eher wahrnehmen, dass ein Produkt einfach das beste auf dem Markt ist, als dass es nachhaltig produziert ist. Da darf man nicht so eingebildet sein und nur auf die nachhaltige Mission setzen und dann ein kratziges Handtuch abliefert.

Der Käufer-Mainstream wird vermutlich eher wahrnehmen, dass ein Produkt einfach das beste auf dem Markt ist, als dass es nachhaltig produziert ist.

Ihr versucht ein bisschen, Konsumenten und Markt auszutricksen?

Die komplette Wirtschafts- und Markenpsychologie belegt wissenschaftlich, dass die Strahlkraft von Marken das wichtigste Asset heutiger Unternehmen ist. Sie beeinflusst zukünftige Kaufentscheidungen der Konsumenten am meisten. Diese Strahlkraft wird durch Emotionen bestimmt. Und wir wollen durch das Thema Nachhaltigkeit Emotionen generieren.

Die Firma „Lenzing“ bezieht seine Modalfasern direkt aus der Umgebung.

Ihr seid als Unternehmen „klimapositiv“ und „ressourcenpositiv“. Was bedeutet das?

Das ist unsere Haupt-Mission, mit der wir einen neuen Standard setzen wollen. Wenn wir andere Textilunternehmen fragen, was die so in Sachen Nachhaltigkeit machen, verweisen die auf Oeko-Tex 100 und dass das ja der höchste Standard sei, den man erreichen könne. Aber Oeko-Tex 100 hat relativ wenig mit Nachhaltigkeit zu tun, sondern garantiert nur die Abwesenheit giftiger Stoffe für die Menschen. Das Siegel bedeutet quasi, dass man kein Quecksilber verwendet. Dabei ist es definitiv gut, dass es das Siegel gibt, aber es sind eben die niedrigsten Anforderungen überhaupt.

Das Beste für die Umwelt ist natürlich, nichts zu kaufen. Aber wir wollen die beste Alternative sein, wenn man doch mal was kauft.


Was ist euer Ziel?

Wir wollen beweisen, dass man wirtschaftlich agieren und gleichzeitig der Umwelt mehr zurückgeben als verbrauchen kann. Das Beste für die Umwelt ist natürlich, nichts zu kaufen. Aber wir wollen die beste Alternative sein, wenn man doch mal was kauft.

Wie garantiert ihr Nachhaltigkeit?

Das Unternehmen „Klimapatenschaft“ hat mit uns den Klima-Impact unserer ganzen Supply-Chain berechnet, was eine Heidenarbeit war. Dadurch wussten wir, wieviel Co2 wir ausstoßen und wieviel Wasser wir verbrauchen. Wir wollen natürlich im ersten Schritt möglichst wenig kaputtmachen, denn kompensieren kann jeder. Aber so können wir unseren berechneten Frischwasser- und Co2-Verbrauch ausgleichen und für jedes verkaufte Produkt noch zwei Bäume pflanzen. So sind wir am Ende klimapositiv.

Du sagst selbst, dass viele Zertifikate nicht ausreichend sind. Trotzdem zeigt ihr viele eurer Zertifizierungen prominent auf eurer Website. Was ist der Hintergrund?

Kunden können in der begrenzten Zeit ihrer Informationsaufnahme durch Siegel sehr schnell sehen, wofür wir stehen. Sie sind eine Orientierungshilfe und erleichtern die Kaufentscheidung. Trotzdem wollen wir natürlich die Benchmark der Siegel nach oben treiben.

Wie finanziert ihr euch?

„Ethnoteks“ Vertriebswege stehen hinter uns und sind immer noch unser Rückgrat. Durch sie brauchten wir keine Business Angel oder Investoren. Wir sind gerade noch weit entfernt von dem Invest, den wir selbst getätigt haben, aber wir sehen gerade im operativen Geschäft eine sehr positive Tendenz.

Was sind die größten Hürden, mit denen ihr euch herumschlagen müsst?

Niemand wacht morgens auf und denkt sich: Heute kaufe ich mal Handtücher. Handtücher braucht man einfach nur alle 5 oder 6 Jahre. Also ist es unser Ziel, die Menschen zu finden, die gerade das Bedürfnis haben. Das wiederum ist im Internet gar nicht so einfach.

Welche Pläne habt ihr gerade?

Wir wollen eine Interior-Brand sein, die alles anbietet, was du zu Hause zum Kuscheln brauchst. Wir entscheiden alle neuen Wege zu dritt gleichberechtigt und gerade in stressigen Phasen ist es sehr von Vorteil, dass wir uns seit unserer Jugend kennen!

Vielen Dank für das Interview!

Hier findet ihr „Kushel“:

Fotos: Kushel

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