Zwischen Teppichen, Kunst und Kuriositäten – zu Besuch bei Maurice Zomorrodi

Fotos: 
14. Oktober 2020

Maurice (Momo) Zomorrodi lernten wir kennen, als wir Mina, die Köchin der Hamburger Aperitivo Bar „Standard“, für femtastics interviewten. Momo ist der Co-Gründer des „Standard“, Jurist und seit neuestem im Teppichunternehmen seines Vaters aktiv. Der 30-Jährige, der gebürtig aus Mülheim an der Ruhr kommt, liebt es, Theorie und Praxis, Ideen und Handwerk zu verknüpfen – am liebsten im Austausch mit anderen Menschen. Während seines Studiums lernte er seine Nachbarin Bettina und ihren Mann kennen. Mit letzterem gründete er die Bar „Standard“, mit ersterer wohnt er heute in einer WG – in einem sehr ungewöhnlichen Haus auf St. Pauli, einer ehemaligen Pantoffelfabrik. Wir sprechen mit ihm über Sammelleidenschaft, Aperitivo-Liebe, Teppich-Trends – und wieso er jetzt doch ins väterliche Business eingestiegen ist.

Im zweiten Stock der ehemaligen Pantoffelfabrik liegt der Wohn- und Essbereich mit dem Kamin, der offenen Küche und dem Patio, von dem eine Treppe zur Dachterrasse führt.

homtastics: Du wohnst hier sehr ungewöhnlich in einer ehemaligen Pantoffelfabrik. Woher kennst du Bettina, deine Mitbewohnerin?

Maurice Zomorrodi: Ich habe als Student gegenüber gewohnt und fand die Partys, die Bettina und ihr Mann gegeben haben, toll. Das waren immer coole, illustre Runden. Ich wollte die beiden unbedingt kennenlernen! Also haben wir uns angefreundet und viel zusammen gekocht oder gemeinsam „Tatort“ geguckt. Irgendwann haben sich Bettina und Egbert zufällig zeitgleich getrennt als ich mich von meiner damaligen Freundin getrennt habe, und Bettina meinte: „Dann zieh doch bei mir ein und wir machen eine WG!“. Mit Egbert bin ich aber auch noch befreundet.

Habt ihr das Haus zusammen eingerichtet?

Die Planung und Architektur hat Bettinas Mann gemacht, aber alles, was Dekoration betrifft – Bilder oder Pflanzen, zum Beispiel – das machen Bettina und ich zusammen. Ich finde ja immer viele Sachen … (lacht)

Ich habe als Student gegenüber gewohnt und fand die Partys, die Bettina und ihr Mann gegeben haben, toll. Das waren immer coole, illustre Runden. Ich wollte die beiden unbedingt kennenlernen!

Bettina Carabillò hat das Gebäude zusammen mit ihrem damaligen Partner aufwändig umgebaut.

… Du hast schon angesprochen, dass du ein Sammler-Typ bist und gerne Kuriositäten entdeckst!

Ja, ich finde immer Dinge auf Flohmärkten, auf dem Sperrmüll oder auch mal schräge Dinge in Concept Stores. Ich habe eine besondere Vorliebe für Dinge, die entweder überproportional klein oder überproportional groß sind. Wie zum Beispiel die Büroklammer, die es auch in unserem „Standard“-Shop gibt, oder die Armbanduhr-Wanduhr in meinem Zimmer.

In der offenen Küche veranstalten Bettina und Momo gerne Abendessen für gemeinsame Freunde.

Ich finde immer Dinge auf Flohmärkten, auf dem Sperrmüll oder auch mal schräge Dinge in Concept Stores.

Die Teppiche und Kissen im Haus sind von „Zomorrodi Teppiche“.

Hattest du schon immer ein Interesse für Inneneinrichtung?

Ja, ich habe jetzt schon Angst davor, wenn ich mal umziehen muss … (lacht). Es ist richtig viel geworden. Ich brauche eigentlich noch ein größeres Haus. Die meisten Dinge lade ich emotional auf, sodass ich mich nicht mehr von ihnen trennen möchte. Zum Studienbeginn habe ich mir auf einem Antikmarkt in Schweden ein Service mit Espressotassen gekauft. Für mich hängt jetzt für alle Zeit die Aufnahme in der Uni mit diesen Espressotassen zusammen. Ein Feuerzeug aus der Kneipe „Na und?“, die es jetzt nicht mehr gibt, ist eins meiner heiligsten Güter. Es sind also gar nicht unbedingt wertvolle Dinge, sie haben nur für mich einen persönlichen Wert.

Hat das DJ Pult in deinem Zimmer auch eine Geschichte?

Das hat mich durchs Studium begleitet. Es hat angefangen mit Abifeiern und eine Zeit lang habe ich ein bisschen Geld damit verdient, indem ich auf Hochzeiten oder Kanzleifeiern aufgelegt habe. Ich habe das aber nicht weiter verfolgt und bin leider kein erfolgreicher DJ geworden. (lacht)

Das Interview führt homtastics-Co-Gründerin Anna.

Ungewöhnliche WG-Partner: Bettina und Momo haben sich vor einigen Jahren angefreundet und wohnen nun zusammen – mit zwei getrennten Bereichen im ersten Stock und einem gemeinsamen Wohnbereich im zweiten Stock des Gebäudes.

Du hast Jura an der „Bucerius Law School“ studiert. Wieso diese Studienwahl?

Ich wollte gern als Rechtsanwalt zwischen Deutschland und dem Iran vermitteln. Ich habe meine Doktorarbeit über iranisches Recht geschrieben. Das Studium insgesamt fand ich toll, weil ich tolle Kommiliton*innen hatte und man sehr viel über gesellschaftliche Zusammenhänge lernt. Es ist ja auch ein Generalistenstudium, das einem sehr viele Möglichkeiten gibt, was man später damit macht.

Hast du schon eine Idee?

Ich arbeite gern praktisch. Das muss nicht unbedingt handwerklich sein, aber ich stelle gern etwas in einem Team auf die Beine. Als Anwalt arbeitet man oft sehr einsam und theoretisch. Ich finde es cool, wenn das Leben abwechslungsreich verläuft. Das Jurastudium ist eher theoretisch und abstrakt. Danach hat es sehr gut getan, als Kontrast etwas Pragmatischeres zu machen. Das geht mir jedenfalls so. Das habe ich bei der Gründung des „Standard“ total genossen: den Fußboden zu verlegen, mir zu überlegen, welche Drinks auf die Karte kommen, welche Musik läuft, … das alles war sehr erfrischend für mich.

Momos T-Shirt ist aus der Merchandise-Kollektion seiner Bar „Standard“.

Wie kam es überhaupt zur Gründung eurer Bar, „Standard“?

Egbert hat das Haus in der Großen Freiheit gekauft, in dem heute unsere Bar ist. Seine Idee war, dort ein Schirmgeschäft zu eröffnen, weil es in Hamburg ja so viel regnet. Ich habe aber nicht wirklich daran geglaubt. (lacht) Da wir beide sehr gern Gastgeber und total Italien-affin sind, kamen wir auf die Idee mit der Aperitivo Bar. Weil wir fast alles selbst gebaut haben, haben wir fast ein Jahr lang herumgewerkelt bis wir eröffnen konnten. Glücklicherweise haben wir heute ein extrem tolles Team: Mina und Minou schmeißen den Laden.

Wie bist du noch involviert?

Zusammen mit Egbert bin ich Gesellschafter und Geschäftsführer. Ich mache alles, was Backoffice ist. Die ganzen unangenehmen Sachen. (lacht)

Wie seid ihr bislang durch die Corona-Zeit gekommen?

Es war ein totaler Schock. Zu Beginn des Jahres lief es wirklich gut und dann überraschte uns alle die Corona-Krise. Wir haben in kürzester Zeit einen Online-Shop und Merchandise wie T-Shirts und Caps aus dem Boden gestampft und darüber versucht, die „Standard“-Idee weiterzuführen. Ich war total berührt davon, wie unsere Gäste reagiert haben. Allein am ersten Tag haben wir zig Gutscheine verkauft. Das hat geholfen und war vor allem motivierend. Ich bin auch sehr dankbar, wie gut es mit den staatlichen Hilfen und der Genehmigung zusätzlicher Außenplätze funktioniert hat. Aber ich habe etwas Angst wie es im Herbst und Winter weitergeht, wenn die Außenbereiche wegfallen.

Ich finde es cool, wenn das Leben abwechslungsreich verläuft. Das Jurastudium ist eher theoretisch und abstrakt. Danach hat es sehr gut getan, als Kontrast etwas Pragmatischeres zu machen.

Der perfekte Ort für den Sommer: die Dachterrasse, die vom Patio aus erreichbar ist.

Und zusätzlich bist du mittlerweile im Familien-Teppich-Business, „Zomorrodi Teppiche“, tätig?

Mein Vater hat seit vierzig Jahren einen Teppichhandel in Düsseldorf. Zuerst wollte ich davon möglichst weit weg, ich war froh, Jura in Hamburg zu studieren und raus aus dem Familienunternehmen zu kommen. Aber ich glaube, es ist ein normaler Prozess, dass man zunächst die Flügel ausbreiten will, dann aber doch wieder eine Verbindung zu seinen Wurzeln findet. Das hat mit meiner Doktorarbeit begonnen, als ich mich das erste Mal näher damit auseinandergesetzt habe, halb Iraner zu sein und mir den Iran näher angeschaut habe. Auch den Teppichhandel – was ja das Voll-Klischee ist, wenn man Iraner ist (lacht) – habe ich nicht mehr abgelehnt. Ich habe akzeptiert, dass es Teil meiner Identität ist.

Vorher hattest du also eher weniger einen persönlichen Bezug zum Iran?

Das war für mich immer eher exotisch. Ich habe viele Aspekte des Charakters meines Vaters gar nicht richtig verstanden. Iraner sind extrem höflich und kompliziert. Sie haben zum Beispiel eine Regel, dass man allen etwas anbietet. Wenn du zum Beispiel sagen würdest: „Oh, das Kelim-Kissen ist aber schön!“, dann müsste ich sagen: „Ich schenke es Dir sehr gerne!“. Dadurch sind schon schräge Situationen und auch Streit entstanden, weil jemand das Geschenk wirklich angenommen hat, obwohl er hätte sagen müssen: „Selbstverständlich nicht.“. Im Iran sind die Menschen einerseits sehr höflich, andererseits oft sehr zerstritten. (lacht)

Momos persönlicher Wohn- und Schlafbereich liegt im ersten Stock des ehemaligen Fabrikgebäudes.

Früher hat sich Momo als DJ etwas dazuverdient, heute ist das Auflegen ein Hobby von ihm.

Wieso hast du dich entschieden, dich nach deinem Studium doch wieder Teppichen zuzuwenden?

Ich fand es cool, etwas zu machen, was ein bisschen schicksalhaft ist. Ich musste es nicht mehr ablehnen, sondern habe verstanden, dass es zu unserer Familie gehört und dass es etwas Tolles ist. Das kann man nicht so einfach aufgeben. Das wäre schade. Ich habe mir überlegt, auf welche Art ich mitarbeiten könnte, ohne dass ich alles andere aufgeben müsste.

Jetzt bist du, zusammen mit deinem Bruder Philipp, für die Digitalisierung des Familienunternehmens zuständig?

Das ist eine spannende Herausforderung, gerade in einem Familienbetrieb. Mein Vater hat bis vor kurzem noch Anzeigen in Telefonbüchern geschaltet und hatte gar kein Interesse am Internet. Aber der Online-Shop ist total sinnvoll. Wir haben so viele Teppiche auf Lager, die sich die Menschen gar nicht alle ansehen können, weil sie keine Lust haben, sich durch Stapel von Teppichen zu blättern. Wir haben alle Teppiche für den Online-Shop fotografiert und so digitalisiert und wir merken jetzt schon, dass Kund*innen in den Laden kommen und sagen: „Ich habe diesen Teppich bei euch online gesehen, den würde ich mir gerne anschauen.“ Das erleichtert uns letztlich die Arbeit.

Das Krokodil-Verlängerungskabel (unten links im Bild) hat Momo selbst gebastelt.

Die Digitalisierung ermöglicht es, sich auf unterschiedliche Arten selbst zu verwirklichen. Wenn man es richtig anstellt, kann man heute so schnell und flexibel arbeiten, dass man die zusätzliche Zeit für andere Projekte nutzen kann.

Momo sammelt besondere Fundstücke – wie den überdimensional großen Pfennig auf der Kommode.

Das heißt, Online-und Offline-Kund*innen sind bei euch zum Teil dieselben?

Ja, es gibt eine Verknüpfung von online und offline. Online kann man sich einen sehr guten Überblick verschaffen. Aber gerade bei Teppichen gibt es das Bedürfnis, sich die Produkte anzusehen, sie anzufassen und eine persönliche Beratung zu bekommen. Wir bieten auch ein „Probeliegen“ zu Hause und kostenlosen Versand an. Aber das Online-Geschäft bringt auch eine Art „Ideologiewechsel“ mit sich. Jahrelang haben Teppichhändler mit intransparenten Preisen und Rabattaktionen gearbeitet. Das Verhandeln gehörte zum Teppichkauf dazu. Online sehen jetzt alle die Preise und können sie vergleichen.

Musstest du dich in das Teppichthema erst einarbeiten?

Ich habe früher als Schüler mein Taschengeld im Teppichladen aufgebessert. Deshalb wusste ich eine ganze Menge. Ich habe auch die Texte für die Produktbeschreibungen online geschrieben.

… Kunst, Bücher und Platten sammelt Momo auch.

Welche Art von Teppichen ist zurzeit besonders angesagt?

Das entspricht nicht unbedingt dem, was wir am meisten verkaufen – aber ich habe das Gefühl, dass sich gerade die jüngere Generation für klassische Orientteppiche begeistert. S0 wie die, die wir hier im Haus liegen haben. Alte Teppiche im Vintage-Look passen als Kontrast sehr gut zu modernen, cleanen Wohnungen. Ich glaube total daran, dass diese starken Muster und Farben – Rot und Blau – gut funktionieren und dass Orientteppiche noch beliebter werden. Sehr beliebt sind auch moderne Teppiche wie Kelims mit abstrahierten, reduzierten Mustern und dezenten Farben.

Durch unseren Online-Shop haben wir schon viel über unsere Kund*innen gelernt. Mein Vater hat im Laden immer die Teppiche oben präsentiert, die er am schönsten fand und von denen er dachte, dass sie sich am besten verkaufen, und dadurch, dass sich die Leute online viel mehr Teppiche ansehen können, haben wir plötzlich ganz andere Sachen verkauft als früher.

Bettina führt die Agentur „Barutzki Design“ in Hamburg und ist Eigentümerin des Hauses, in dem Momo wohnt.

Auch moderne Teppiche wie der auf diesem Foto finden sich bei „Zomorrodi Teppiche“.

Möchtest du dich beruflich künftig weiter mit eurem Teppichunternehmen befassen?

Auf jeden Fall für eine Weile. Ich freue mich darauf, weiter in das Thema einzutauchen und zu überlegen, was man online oder offline – zum Beispiel in Form von Pop-Up-Shops in anderen Städten – machen kann. Außerdem kann mein Bruder in der Zusammenarbeit mit unserem Vater meine Unterstützung gebrauchen. (lacht)

Die Digitalisierung ermöglicht es zum Glück, sich auf unterschiedliche Arten selbst zu verwirklichen. Wenn man es richtig anstellt, kann man heute so schnell und flexibel arbeiten, dass man die zusätzliche Zeit für andere Projekte nutzen kann.

Vielen Dank für das Gespräch, Momo!

Hier findet ihr „Zomorrodi Teppiche“:

 

Hier findet ihr „Standard“:

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.