„Interior ist der Ausgleich zu meinem Job in einer psychiatrischen Klinik“ – zu Besuch bei Kunsttherapeut Mike Klar

Fotos: 
10. Juni 2020

Er selbst bezeichnet seine Wohnung als dunkelbunt: Mike Klar lebt mit seinem Freund Kevin und seinen zwei Katzen Olga und Caruso auf knapp 100 kunstvoll eingerichteten Quadratmetern mitten im Bergmannkiez in Berlin. Als „Herr Klar“ nimmt er auf Instagram seine Follower mit auf eine Interior-Reise aus Designerstücken, Vintage-Funden und Farbkontrasten. Im Gespräch verrät der Illustrator und Kunsttherapeut, wie er seine Interior-Schätze aufspürt, was ihn inspiriert und welche Rolle Kunst in einer psychiatrischen Klinik spielen kann.

Der lila Stuhl am Esstisch ist vom Label „Moustache“, die Deckenlampe über dem Tisch ist von „Mazzega 1946“, der schwarz-weiße Teppich von „Ikea“.

Links: „Quist“ Vintage-Kerzenhalter aus den 70ern. Rechts: das „String“-Regal ist ein echter Klassiker.

Berberteppich und Pflanzen bringen Urlaubsflair ins Arbeitszimmer.

homtastics: Auf Instagram hast du mal geschrieben „Aber das Leben ist ja ständiger Wandel, sonst wäre es ja langweilig.“ und beziehst das auch auf ständige Umbauten in deiner Wohnung. Wie oft änderst du die Einrichtung deiner Wohnung?

Mike Klar: Das letzte Projekt war die Küche, die haben wir allerdings im Voraus geplant. Ansonsten wird jede Woche etwas umgeräumt oder ausgetauscht, auch wenn es nur eine Vase ist. Wenn ein neues Teil reinkommt, merkt man vielleicht, dass ein altes Teil nicht mehr dazu passt. Wir trennen uns von Sachen, damit das Ganze im Fluss bleibt.

Wovon lässt du dich dabei inspirieren?

Interior ist das gemeinsame Interesse von meinem Freund und mir. Wir gucken viel bei den Designklassikern der 50er- und 60er-Jahre, wie Eames oder Alexander Girard, der die Wooden Dolls gemacht hat. Was wir noch für uns entdeckt haben, ist das Memphis Design der 80er-Jahre, das viele als hässlich und unharmonisch empfinden. Ich finde das sehr inspirierend. Natürlich lasse ich mich auf Instagram inspirieren, aber es gibt auch spannende Wohnblogs und tolle Reportagen auf YouTube. Alles eher international. In Deutschland sind die Leute oft verhaltener, was Kontraste oder schräge Dinge angeht.

Das Wohnzimmer ist ein eklektischer Mix aus besonderen Design-Stücken: Wandteppich von „Bolia“, Sessel von „Varier“, roter Hocker von „Kartell“, Sofa von „Hay“, Lampe auf dem Sideboard von „Flos“.

Interior ist das gemeinsame Interesse von meinem Freund und mir.

Rechts: Vase von „Kartell“

Katze Olga und die Sammlung der „Wodden Dolls“ von „Vitra“

Welchen Accounts folgst du auf Instagram?

Der Holländer Theobert Pot richtet farblich ähnlich ein wie wir. Marc Costa reposted nur und zeigt internationale Sachen. Schön finde ich auch The Socialite Family aus Paris. Die besuchen junge Familien, die in Pariser Altbauten leben und haben kleine Möbelproduktionen.

Denkst du, dass Instagram der Inspiration dient? Oder blockiert sie diese eher?

Am Anfang hat mich das gehemmt. Ich habe vor zwei Jahren Instagram als visuelles Tagebuch begonnen und wollte eigentlich mehr Katzenvideos statt Interiorfotos posten. Damals hatte ich eine Phase, in der ich dachte, dass ich so wenige Follower und auch keinen für die breite Masse gefälligeren Scandi-Style habe. Aber dann habe ich von ein paar Leuten ein positives Feedback bekommen: Jules von „Herz und Blut“ hat eine Homestory bei uns gemacht, auch ein paar internationale Leute haben meine Bilder gereposted. Da habe ich gemerkt, dass mir das viel mehr wert ist als 80.000 Follower zu erreichen. Aber machmal frustriert es trotzdem, wenn ein Projekt, das man richtig gut findet, bei der breiten Masse augenscheinlich nicht so ankommt und sich ständig wiederholende Dinge auf anderen Accounts super geliked und gehyped werden. Ich versuche, mich da freizumachen.

Links: hinter dem „Eames Lounge Chair“ hängt ein Bild, das Mike gemalt hat.

Das Interview führt homtastics-Autorin Kira Rosenkranz.

In Designgeschäfte gehe ich eher nicht, ich finde in Berlin sind die unverschämt teuer geworden.

Wo findest du die besonderen Möbelstücke, die man bei dir bewundern kann?

Meistens im Internet. Viel über Ebay und Ebay Kleinanzeigen. In Designgeschäfte gehe ich eher nicht, ich finde in Berlin sind die unverschämt teuer geworden. Mein Freund und ich kommen beide aus Hessen vom Land und dort kann man  bei Haushaltsauflösungen noch etwas finden. Wir haben schon einiges nur per Foto gekauft und uns dann mit der Spedition liefern lassen. Meistens telefoniere ich vorher mit den Leuten, damit ich auf keinen Fake reinfalle. Und bisher haben wir immer Glück gehabt. Ein paar Dinge haben wir natürlich auch von neueren Designlabels. Wir versuchen alt und neu zu mischen, damit es nicht zu retro wird.

Arbeitet ihr die Stücke selbst auf?

Ein bisschen: Das Furnier ausbessern, reinigen und Politur auftragen. Die Tulip-Stühle in der Küche waren schon sehr kaputt, die haben wir komplett aufgearbeitet und neu lackiert.

Links: Die Lampe auf dem Schreibtisch ist „Tahiti“ von Ettore Sottsass.

Kannst du ein Lieblingsstück benennen?

In der Küche steht eine „Shogun“ Lampe aus den 80er-Jahren auf dem Tisch, die noch hergestellt wird. Es gibt diese Lampe auch als Stehlampe, die nicht mehr produziert wird. Die habe ich vor einem Monat auf eBay entdeckt und zugeschlagen. Das ist im Moment mein Lieblingsstück.

Ansonsten mag ich die „Wooden Dolls“ von Alexander Girard sehr gerne. Und die Penisvase von Ettore Sottsass, der die Memphis-Gruppe gegründet hat. Der hat auch die Enten-Schreibtischlampe designt, auf die ich lange gespart habe. Ray und Charles Eames dürfen auch nicht fehlen. Und der Möbelproduzent Knoll, die produzieren die ganzen Klassiker. Wir haben auch viele Flos Lampen.

Ebenso habt ihr viele Pflanzen. Hast du einen grünen Daumen?

Ja, aber mein Freund ist Zierpflanzengärtner und hat Landschaftsarchitektur studiert. Es wurden also mehr Pflanzen, seit er vor vier Jahren eingezogen ist. Ich hatte vorher schon Pflanzen, aber nicht so spezielle, sondern die Ikea-Pflanzen, die alle haben. Mein Freund sucht die Pflanzen eher auf eBay oder züchtet sie auf der Arbeit selbst.

Die Küche wurde erst kürzlich mit Farbe von „Farrow & Ball“ orange gestrichen.

Rechts: Lampe mit schwarz-weißem Sockel von „Artemide“

Da ich Kommunikationsdesign und Illustration studiert habe, habe ich schon immer mit Farben gespielt.

In welchen Läden kann man schöne Pflanzen finden, wenn man keinen Zierpflanzengärtner als Freund hat?

In Berlin mag ich den Holländer, der hat qualitativ hochwertige Pflanzen. Es gibt auch gute Onlineshops, die Raritäten haben und diese auch gut verpackt verschicken. Kakteen Haage in Erfurt kann ich noch empfehlen, das ist die älteste Kakteengärtnerei der Welt.

Du hast gerade deine Küche umgebaut. Bist du nach einem Konzept vorgegangen?

Ich wohne seit mittlerweile zehn Jahren hier, die Wohnung war ursprünglich eine WG. Als mein Freund eingezogen ist, haben wir erstmal die Hauptzimmer saniert. Vor vier Jahren haben wir die Küche zuletzt renoviert. Mittlerweile war sie uns ein bisschen zu verspielt und romantisch mit den vielen Pflanzen und dem rosafarbenen Schrank. Wir wollten es ein bisschen cleaner haben. Es stand fest, dass die Küchenzeile, der Kühlschrank und der Boden bleiben müssen, aber der Rest verändert werden konnte. Wir haben dann verschiedene Farben recherchiert, ich habe auf dem iPad Skizzen gemacht und wir haben die Farben durchprobiert. Ich habe auch eine kleine Instagram-Umfrage gemacht: Lustigerweise waren die meisten Leute für Hellblau, was auch die sicherste Entscheidung gewesen wäre. Mir gefiel ein Curry-Braun-Ton am besten und mein Freund wollte unbedingt Orange. Wir haben darüber diskutiert und uns am Ende für Orange entschieden. Um das aufzubrechen, haben wir die Farbe mit Rosa und mit einem Beige-Weiß kombiniert. Auch die Pflanzen wurden reduziert, um mehr Ruhe reinzubringen. Wir haben auch ein neues Vintage-Sideboard gekauft, das wir danach ausgesucht haben, ob die Holzfarbe zum Orangeton passt.

Das Farbkonzept war also das zentrale Element in der Küchenplanung. Welche Rolle spielen (Wand-)Farben für dich?

Da ich Kommunikationsdesign und Illustration studiert habe, habe ich schon immer mit Farben gespielt. Ich mag Farbkontraste, ich mag bunte Klamotten. Mit Mustern kann ich allerdings nicht so viel anfangen. Die Wohnung ist zwar bunt, aber durch die fehlenden Muster etwas ruhiger. Wenn man alles aufeinander abstimmt, wird es in der Masse wieder zu einem Ganzen. Bei uns ist alles bunt, aber es relativiert sich gegenseitig wieder. Der Fokus liegt auf Farben und Materialität, das ist die Basis unserer Einrichtung.

Gelber Sessel von „Knoll“, Lampe von „Flos“

Als Illustrator und Kunsttherapeut spielt Kunst sicherlich eine große Rolle in deinem Leben.

Ja, obwohl Kunstprozesse mir mittlerweile wichtiger geworden sind. Im Designstudium gab es immer den Druck, ein gutes Ergebnis zu liefern und das hat mich dahin getrieben, dass ich wieder Spaß an Prozessen und am Entdecken und Experimentieren haben wollte, wie es auch in der Wohnung der Fall ist. Seit ich angefangen habe, mehr einzurichten, hat sich mein künstlerisches Ausleben in den Raum verschoben und passiert im Moment weniger auf dem Papier. Aber ich habe den Plan, dieses Jahr wieder mehr dahin zu kommen.

Hast du Kunst von dir in deiner Wohnung hängen?

Für die Ecke im Wohnzimmer habe ich ein Bild entworfen. Und ich habe ein Porträt von meiner Katze gemalt. Zurzeit probiere ich mich mehr im digitalen Illustrieren aus. Generell habe ich in der Wohnung nicht so viele Bilder hängen. Früher hatte ich im Arbeitszimmer eine Petersburger Hängung, das war mir aber zu unruhig. Ein Bild will immer mehr von dir als ein Objekt.

Kunst von Mike Klar

Ich arbeite mit 85-jährigen Menschen, die noch nie gemalt oder nie mit Ton gearbeitet haben und für sich etwas Neues entdecken. Ich finde es reizvoll, Leuten etwas zu ermöglichen, wozu sie nie Zugang hatten und zu sehen, wie dadurch Freude entsteht.

Links: „Shiva“ Vase von Ettore Sottsass und „Georgia“ Vase von Jonathan Adler

„Snoopy“ Lampe von „Flos“

Kannst du zusammenfassen, was das Ziel der Kunsttherapie ist und mit welchen Mitteln sie arbeitet?

Es gibt verschiedene Ansätze. Ich habe psychodynamische Kunsttherapie studiert, das ist von den Ansätzen ähnlich wie eine nonverbale Psychotherapie. Es wird ein Rahmen geschaffen, in dem Patienten sich mit künstlerischen Medien ausprobieren und ohne Themenvorgaben zu sich finden können. Vielleicht werden durch die künstlerischen Prozesse Lösungswege aufgezeigt oder die Patienten finden für sich eine neue Tätigkeit. Wichtig ist, dass nichts bewertet wird, es erhält eine Akzeptanz. Wir sprechen auch mit den Patienten über die Bilder, aber überinterpretieren die Arbeiten nicht.

Was reizt dich an der Kunsttherapie?

Das Arbeiten mit Nicht-Professionellen, die nicht diese Businessbrille aufhaben. Ich arbeite mit 85-jährigen Menschen, die noch nie gemalt oder nie mit Ton gearbeitet haben und für sich etwas Neues entdecken. Ich finde es reizvoll, Leuten etwas zu ermöglichen, wozu sie nie Zugang hatten und zu sehen, wie dadurch Freude entsteht.

Wie ist es, in einer psychiatrischen Klinik zu arbeiten?

Es ist kein leichter Bürojob. Ich arbeite mittlerweile in Teilzeit, früher habe ich mehr gemacht, das wurde mir aber zu viel. Seit diesem Jahr bin ich auch aus dem ganz akuten Bereich raus, ich arbeite eher ambulant und tagesklinisch. Man muss sich abgrenzen und braucht einen guten Ausgleich zur Arbeit. Das Beschäftigen mit Interior, mit etwas Schönem, hat mir viel geholfen.

Tischlampe von „Martinelli Luce“, lila Wandobjekt aus Keramik von „Cor Unum Ceramics“, Fächerlampe an der Decke von „Market Set“

In welchen Fällen kann Kunsttherapie helfen?

Das ist schwer zu pauschalisieren. Die Leute müssen offen sein. Es bringt nichts, jemanden zur Kunsttherapie zu verdonnern. Ich habe zwei Jahre auf der Depressionsstation gearbeitet und sehr gute Erfahrungen gemacht. Wenn Leute sehr lethargisch waren, nichts mehr gemacht haben und sich nichts zugetraut haben, konnte Kunsttherapie helfen. Man muss aber lange dabei bleiben. Jetzt arbeite ich viel mit alten Menschen. Es ist schon erstaunlich, was Menschen mit Demenz noch leisten können und wie sie Freude an Prozessen, die man nicht mehr unbedingt sehen kann, finden können. Das sind andere Wege des Ausdrucks auf einer anderen Ebene.

Vielen Dank für das interessante Gespräch!

Hier findet ihr Mike Klar:

 

Layout: Kaja Paradiek

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