Remote Work: Oliver Haas von „Nomadweek“ erzählt, wie es geht!

4. März 2020

Leben und arbeiten von überall auf der Welt – diesen Traum verfolgt der Wahlhamburger Oliver Haas (32) und reist in den Wintermonaten zum Arbeiten nach Bali, Kalifornien oder Thailand. Dafür entfernte er sich vor Jahren von den gesellschaftlichen Vorstellungen einer „normalen“ Arbeitsbiographie. Inzwischen vermittelt er seine Kenntnisse auf der „Nomadweek“, einer Workshop-Woche für angehende digitale Nomaden, die er zusammen mit zwei Freunden ein- bis zweimal im Jahr in Portugal initiiert. Uns erzählt der gebürtige Nürnberger und Van-Besitzer, wie „Remote Work“ bei ihm funktioniert, worum es in seinem neuen Hörbuch „Remote Monkey“ gehen wird, welche Rollen Routinen für ihn spielen und was man als Teilnehmer*in von der „Nomadweek“ für sein zukünftiges Leben mitnehmen kann.

Oliver Hass ist Co-Gründer der „Nomadweek“. Wir treffen ihn in seiner Wahlheimat Hamburg.

homtastics: Wenn du dich jemandem vorstellst, den du gar nicht kennst – was erzählst du über dich?

Oliver Haas: Ich würde sagen, dass ich Olli heiße, ein freiheitsliebender Mensch bin, der vieles ausprobiert und seinen Weg in den letzten Jahren in eine schöne Wohlfühlzone verwandelt hat.

Wohlfühlzone klingt schön. Was bedeutet das für dich?

Ich arbeite ortsunabhängig bei einem Start-up und bin nebenher selbstständig mit der „Nomadweek“. Mit Hamburg habe ich meine Base gefunden und fühle mich hier am Wasser sehr wohl. Es ist ein guter Ort, um von hier aus regelmäßig die Welt zu erkunden und neue Menschen kennenzulernen.

Ich arbeite 30 Stunden in einem Start-up, die ich komplett remote machen kann – dieser Job bietet mir auch gleichzeitig Sicherheit und Flexibilität.

Wieviele berufliche Standbeine hast du?

Ich arbeite 30 Stunden in einem Start-up, die ich komplett remote machen kann – dieser Job bietet mir auch gleichzeitig Sicherheit und Flexibilität. Dann gibt es seit zwei Jahren die „Nomadweek“, mit der wir Workshops für Leute anbieten, die sich für ortsunabhängiges Arbeiten interessieren. Und dann mache ich nebenher für kleinere Kunden immer noch Webdesign, Texte und Konzepte. Seit kurzem arbeite ich noch am eigenen Branding für mein erstes Hörbuch.

Spannend. Worum wird es in dem Hörbuch gehen?

Es heißt „Remote Monkey“ und wird voraussichtlich in der zweiten Märzwoche erscheinen. In dem Hörbuch wird es darum gehen, wie ich es geschafft habe, von überall auf der Welt aus zu arbeiten, inklusive eines Übungsteils und Buchtipps.

Das Interview führt homtastics-Autorin Anissa Brinkhoff.

Ich habe schon im Studium Bücher wie „Die 4-Stunden Woche“ gelesen und mich mit dem Ausstieg aus dieser 9-to-5-Arbeitswelt beschäftigt.

Wenn Oliver nicht gerade aus seinem Van oder von der „Nomadweek“ in Portugal aus arbeitet, ist er oft im Betahaus in Hamburg zu finden.

Wie hast du herausgefunden, dass du ortsunabhängig arbeiten möchtest?

Ich habe schon im Studium Bücher wie „Die 4-Stunden-Woche“ von Timothy Ferriss gelesen und mich mit dem Ausstieg aus der 9-to-5-Arbeitswelt beschäftigt. Statt in meinen gelernten Beruf zu arbeiten, habe ich herumprobiert und mich dabei wohlgefühlt. Aber selbst bei guten Freunden und meiner Familie hat es sehr lange gedauert, bis sie verstanden haben, was ich eigentlich mache. Ich musste mich richtig durchsetzen und habe mich gefragt, ob ich derjenige bin, der etwas falsch macht, weil ich aus dem Raster falle oder ob es okay ist, was ich mache. Deshalb arbeite ich auch so gerne an Orten wie dem Betahaus. Hier finde ich Gleichgesinnte, das brauche ich auch.

Im Alltag leben wir häufig viel zu unbewusst und neigen dazu, uns viel mehr Sorgen zu machen anstatt anzuerkennen, was man alles geschafft hat.

Worum geht es bei der „Nomadweek“?

Es gibt viele Menschen, die sich nicht mehr in ihrem Job wohlfühlen und sich verändern möchten. Wir verbringen mit diesen Leuten eine Woche in Portugal. Dort schauen wir, wo wirklich der Schuh drückt, wie man alte Muster aufbrechen kann, wo man etwas verändern kann, was man hinter sich lassen kann und natürlich, wie man das überhaupt schafft. Wir sehen es als unsere Aufgabe, es realistisch anzugehen. Du willst dich mit einem Reiseblog selbstständig machen? Schwierig. Leute, geht kleinere Schritte, denn die bringen dich am Ende ans Ziel.

Wie läuft so eine Woche ab?

Es ist eine extrem große Herausforderung, in einer Woche eine nachhaltige Wissensbasis zu erschaffen, mit der die Teilnehmer*innen dann selbstständig weitermachen können. Mit welchem Ergebnis die Teilnehmer*innen aus dieser Zeit herausgehen, bestimmen sie selbst. Wir haben mittlerweile einen sehr guten roten Faden entwickelt, der dich in den ersten Tagen genau da abholt, wo du bist und immer tiefer in deine Themen eintauchen lässt. Erstmal geht es darum herauszufinden, wo deine Handicaps sind und daraus eine Motivation zu entwickeln. Im Alltag leben wir häufig viel zu unbewusst und neigen dazu, uns viel mehr Sorgen zu machen anstatt anzuerkennen, was man alles geschafft hat. In den folgenden Tagen kommt dann ein bisschen Technik, Business-Marketing, Website bauen etc. dazu.

Die „Nomadweek“ hat Oliver Haas (re.)  zusammen mit Laura Link und Daniel Tischer gegründet.

Happy Teilnehmer*innen: Die „Nomadweek“ findet zweimal im Jahr in einem Haus mit Pool in der Nähe von Peniche in Portugal statt. Die Teilnahme kostet inklusive Workshops, Übernachtungen, Yoga-Sessions und Vollverpflegung rund 900 Euro. (Foto: Maren Uhlenhaut)

Welche Ideen oder Konzepte nehmen die Teilnehmer aus so einer Woche mit?

Es geht nicht darum, dass alle sich in dieser Woche selbstständig machen, sondern dass sie neuen Input bekommen. Am Ende gehen die Leute hoffentlich mit der Motivation heraus, ihre Idee wirklich umzusetzen. Deshalb frage ich die Teilnehmer*innen zum Ende: Was sind deine nächsten Schritte? Womit fängst du nächste Woche an? Zwei Wochen später frage ich dann auf WhatsApp noch mal nach. Viele haben während der Woche ein krasses Motivations-Feeling wie noch nie. Wir arbeiten gerade daran, wie die Teilnehmer*innen dieses Gefühl mit in den Alltag nehmen können und wie wir auch nach der Woche unterstützen können.

Funktioniert digitales Nomadentum zum Beispiel auch für festangestellte Lehrer*innen oder Krankenpfleger*innen?

Mit Büchern und Podcasts kann man in seinen eigenen vier Wänden beginnen, über den Tellerrand zu schauen und sich ein neues Mindset anzueignen. Egal ob du selbstständig, angestellt oder beides bist, introvertiert oder auch schüchtern. Das ist der beste Ansatz, wenn man langsam schauen will, was es außerhalb der regulären Arbeitswelt noch gibt. Ein Buch holt dich ab, fängt dich auf, umarmt dich. Und dann kann man gucken, ob man einen Austausch mit Gleichgesinnten findet.

Ich hoffe, dass zu dem großen Thema „New Work“ in Deutschland noch viel passieren wird.

Auch Surfen ist Teil des „Nomadweek“-Programms. (Foto: Maren Uhlenhaut)

Trotzdem haftet all dem etwas Elitäres an.

Ich hoffe, dass zu dem großen Thema „New Work“ in Deutschland noch viel passieren wird, so dass auch festangestellte Lehrer*innen oder Krankenpfleger*innen etwas davon haben können. Derzeit sind wir da noch etwas rückständig. Vielleicht werden Jobs generell freier gestaltet in den nächsten Jahren. Wir wollen auch mit „Nomadweek“ Leute außerhalb unserer Bubble auf diese Themen aufmerksam machen.

Ist das digitale Nomadentum also eher ein Mindset als ein Lebensstil?

Das digitale Nomadentum wird oft als Lebensgefühl wahrgenommen. Es ist dieses Bild von jemandem, der mit dem Laptop am Strand sitzt, was aber überhaupt nicht der Wahrheit entspricht. Diese Klischees versuche ich auszusortieren. Am Ende geht es es darum, dieses Klischee als Symbol zu nutzen, dass eigentlich nur ein Wunsch nach Veränderung da ist. Ich erzähle oft von meinem Leben hier in Hamburg, dass mir Routinen wichtig sind, dass ich aber auch die Möglichkeit habe, einfach von überall zu arbeiten und meinen Tag frei zu gestalten.

Wie wichtig sind dir Sicherheit und Planbarkeit?

Schon ein Stück weit wichtig. Ich merke hier in Hamburg gerade wieder, dass ich unglaublich Bock habe, im Alltag gewisse Routinen zu haben. Ich gehe beispielsweise immer in die Schanze ins Betahaus zum Co-Worken und abends zum Sport – wenn ich dann zu Hause bin, freue ich mich über diese Tage.

 

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Wie weit planst du?

Fest steht für mich seit zwei Jahren, dass im Frühjahr und Herbst die „Nomadweek“ in Portugal stattfindet. Ich habe mir letztes Jahr einen Van gekauft und werde damit vermutlich dieses Jahr viel Zeit verbringen, durch die Gegend fahren und von dort aus arbeiten. Ich bin ein typischer Winternomande und im Januar und Februar meistens unterwegs. Ansonsten finde ich, dass Deutschland zum Leben auch ein guter Ort ist. Das lernt man beim Reisen zu schätzen.

Ich bin kein Entrepreneur-Typ der vom 5-AM-Club bis spät abends um 23 Uhr husselt.

Was macht dein Lebensstil mit deinen sozialen Kontakten?

Das war ein Ding, das ich zu akzeptieren lernen musste. Die Freunde aus der Heimat reisen eben nicht mit. Sie wissen, dass ich gerade unterwegs bin, wollen aber nicht jede Woche wissen, was ich erlebe. Die leben eben hier ihr Leben. Nur weil ich diesen anderen Lebensstil führe, stehe ich nicht automatisch im Mittelpunkt. Das macht mich auch etwas demütig. Es ist aber auch schön zu wissen, dass hier in Deutschland die Base einfach bleibt.

Wie trennst du Arbeit und Freizeit?

Ich bin gerade sehr dankbar, dass mir meine Arbeit zu 90% sehr viel Spaß macht, egal bei welchem Projekt ich bin. Ich arbeite zwischen 40 und 50 Stunden in der Woche. Wenn man selbständig arbeitet, entwickelt man automatisch mehr Bewusstsein und wird verantwortlicher für sich und sein Leben. Man muss selbst überlegen, welche Aufgaben man priorisiert, was der Kunde jetzt braucht, legt seine eigenen Ziele fest. Natürlich habe ich auch Momente, in denen ich einfach mal gerne eine Excel-Tabelle abarbeiten würde. Aber der Thrill, Dinge zu bewegen, ist einfach größer und die nachhaltigere Belohnung für mich selbst.

Foto: Laura Möllemann

Foto: Linda Hanses

Stresst dich diese Vermischung nie?

Ich bin eher ein introvertierter Mensch, der viel Energie aus dem Alleinsein zieht. Ich brauche viele Ruhephasen, genieße es, abends alleine etwas für mich zu kochen. Ich bin kein Entrepreneur-Typ der vom 5-AM-Club bis spät abends um 23 Uhr husselt, dann zum Workout geht und wieder nur fünf Stunden schläft. Ich brauche Zeit für Low-Brain-Sachen.

Digitale Nomaden gentrifizieren die Länder, in denen sie arbeiten, zahlen dort aber keine Steuern. Wie stehst du zu dem Thema?

Ich habe auch Probleme mit diesem Konzept. Klar ist es schwierig, wenn Leute auf Bali ein Mittagessen für zwei Euro bekommen, aber von Kunden aus Europa mit einem Stundensatz von 70 Euro bezahlt werden. Ich versuche deshalb etwas zurückzugeben, beispielsweise durch soziales Engagement. Das sollte natürlich auch eine Aufgabe von „New Work“ sein: Wie können alle Leute global davon profitieren?

Danke für das Gespräch, lieber Oliver.

Hier findet ihr Oliver und die „Nomadweek“:

Die nächste Nomadweek findet im Frühjahr 2021 statt.

Fotos: Teresa Enhiak Nanni

Layout: Kaja Paradiek

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