Weltretter Robert Marc Lehmann: “Wir müssen dringend handeln!”

Robert Marc Lehmann-Meeresbiologe-interview

Robert Marc Lehmann ist Meeresbiologe, Forschungstaucher, Fotograf, Filmemacher, oft Lebensretter und ein 30-Minuten-Interview ist definitiv zu kurz, um seine Arbeit und sein Engagement in allen Facetten zu zeigen. Der Schutz unserer Meere und seiner Bewohner ist dem 35-Jährigen das größte Anliegen. Zu Schulzeiten war Robert leidenschaftlicher Angler, hat während seines Studium Seehunde in Gefangenschaft trainiert, war der jüngste Aquarienleiter Europas und half dabei Seesterne, Haie, Hummer und andere Tiere für Aquaparks zu fangen. Dann kam der große Cut. Seitdem forscht, reist und rettet sich der Kieler durch die Weltgeschichte – er befreit gestrandete Orkas in Australien, wild gefangene Meeresschildkröten in Asien und in Geisternetzen verhedderte Enten in der Nordsee, besucht als getarnter Tourist Fischmärkte in Peru oder geht mit dem weltbekannten Tierschützer Pete Bethune und seinem Team unter dem Namen “The Operatives” in Asien auf Tierretter-Tour. Daraus macht er unter anderem preisgekrönte Fotoreportagen für Magazine, Dokumentationen für große Fernsehsender und nachhaltig beeindruckende Vorträge für Schüler und Erwachsene. Sein oberstes Ziel: Die Menschheit endlich wachzurütteln.

homtastics: Wie steht es aktuell um die Weltmeere und ihre Bewohner?

Robert Marc Lehmann: Schlecht. Punkt. Es sieht nicht gut aus, an allen Ecken. Es ist ja nicht nur Plastik, es ist Überfischung, der Klimawandel, die Versauerung der Meere, Dinge, von denen wir keine Ahnung haben. Es brennt an allen Ecken und Enden und wenn ich daran denke, dass der Ozean unser größtes Ökosystem ist und davon alles abhängt, was in der Welt stattfindet, und, dass das keinem bewusst ist, wird mir schlecht. Während wir hier in Hamburg sitzen, beeinflusst uns der Ozean – über das Klima, über das, was wir essen und trinken, oder auch über das Hochwasser, das Hamburg in 100 Jahren sicherlich zwei Meter tiefer im Wasser sitzen lässt. Es wird schwierig! Im Hinblick darauf frage ich mich, warum sich keiner kümmert und das Thema immer wieder unter den Tisch fällt und nicht mehr angegangen wird. Wir müssen dringend handeln, es ist allerhöchste Eisenbahn!

Warum kümmert sich deiner Meinung nach niemand?

Weil viele Menschen das nicht unmittelbar spüren. Wenn du jetzt in Haiti sitzt, weißt du, dein Land ist vom Klimawandel hinweggefegt, das wird auch nicht mehr aufgebaut, weil da vier Hurrikans im Jahr drüber knallen, das lohnt sich nicht mehr. Wenn du in Belize leben würdest, wüsstest du, dass dein Land demnächst untergehen wird. Sitzt du auf den Malediven, musst du dir überlegen, wo du in den nächsten dreißig Jahren leben wirst. In Deutschland interessiert das kein Schwein. Wir bauen mal die Deiche höher, hier sind wir clever, hier sind wir geschützt. Wir sind das reichste, sicherste und geilste Land der Erde und deswegen interessiert es hier viele nicht, weil wir einfach den Luxus haben, dass es uns nicht interessieren muss! Viele andere Menschen aber leiden darunter, und ein Großteil der Menschen muss ausbaden, was wir hier verzapfen. Ich treffe heute noch Leute, die nicht wissen, dass man keinen Thunfisch essen soll. Oder die viermal im Jahr nach Bali fliegen und sagen, sie seien coole Weltretter, weil sie vegan essen. Das passt wenig zusammen.

Ich versuche es immer positiv zu verkaufen: Schränkt euch nicht ein, sondern macht bestimmte Dinge anders. Ich zeige den Leuten, was ich draußen sehe, und, dass unser persönliches Handeln woanders große Konsequenzen haben kann.

Es findet immer mehr ein Umdenken in unserer Generation statt. Die Menschen treffen sich zum “Plogging” – Joggen und Müll sammeln–, verzichten auf Strohhalme, kaufen sich für ihren Kaffee Re-Cup-Becher. Was können wir noch tun?

Ich habe gerade einen Drink durch eine Nudel getrunken, super geil!

Ich versuche, möglichst viele Menschen zu informieren. Ich denke mir, wenn man um die Problematik weiß, muss man schon ein ziemliches Arschloch sein, um zu sagen: Ist mir doch egal, die Welt ist mir wurscht, gucken wir mal was in 50 Jahren ist. Grundsätzlich sollte man Plastik in aller Form einschränken, der Konsum ist aktuell immer noch exponentiell steigend. Das fängt bei deiner Zahnbürste an, die kannst du dir aus Bambus besorgen. Kosmetik ist voller Plastik, also: Kosmetik ohne Plastik und möglichst noch Fairtrade kaufen. Wenn wir wie hier im Café sitzen: darum bitten, keinen Plastikstrohhalm zu bringen. Kauf im Supermarkt keine eingeschweißten Sachen und benutze keine Plastiktüte. Ich habe früher immer diese Sechserträger Wasser in meine Wohnung geschleppt, heute benutze ich einen SodaStream. Das Leitungswasser in Deutschland ist das klarste und kontrollierteste der Welt, da braucht man sich keine Sorgen machen. So könnte ich endlos weiter machen. Wenn du weniger Fleisch isst, ist es für das Klima clever und für den Ozean und die allgemeine Weltbevölkerung besser. Man muss sich heute bei seinem ganzen Konsum darüber informieren, was dahinter steckt. Du weißt sonst nicht, welche Konsequenzen das in Borneo hat, wenn du hier im Regal nach einem Nutella-Glas greifst. Dass dort hektarweise Regenwälder abgeholzt werden – 147 Fußballfelder pro Minute – dafür, dass du hier Nutella essen kannst. Nochmal: 147 Fußballfelder pro Minute! Dass Orang-Utans dabei verbrannt werden, was ich live gesehen habe, damit du dir hier die Schokocreme aufs Brötchen schmierst. Das ist eine Konsequenz, die vielen nicht klar ist. Deswegen zeige ich meine Bilder und meine Filme und erzähle das einem sechsjährigen Kind genauso wie einem 90-jährigen Opa. Und beide ändern dann etwas, weil sie darum wissen! Das ist das Entscheidende, darum geht es am Ende.

Was man ansonsten konkret tun kann, ist nicht mehr in den Zoo zu gehen. Genieß die Natur vor deiner Haustür oder zeig deinen Kindern Tierdokus bei YouTube! Nach Flugreisen kannst du deinen CO2-Abdruck wieder in Bäumen anpflanzen lassen, du kannst tausend Sachen machen und findest im Internet Millionen Ideen dazu. Überdenke deinen Konsum, du kannst ja auch eine Schokocreme kaufen, für die keine Wälder abgeholzt werden. Ich versuche es immer positiv zu verkaufen: Schränkt euch nicht ein, sondern macht irgendetwas anders. Eure Einkaufsliste ist ein Stimmzettel – für oder gegen die Welt. Ich zeige den Leuten, was ich draußen sehe, und, dass unser persönliches Handeln woanders große Konsequenzen haben kann. Bei mir ist keiner aus einem Vortrag rausgegangen, dem es immer noch egal ist.

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Orang Utan orphans going to jungle school in Borneo. Numbers dropped dramatically over the last years due to habitat loss, hunting, illegal wildlife trade, fires, palm oil plantations, etc. … RedList status: critically endangered. I have seen the consequences of my own behavior in the eyes of little Orang Utan orphans. That changed me forever. I changed forever. © @robertmarclehmann www.robertmarclehmann.com #orangutan #indonesia #borneo #greatapes #ape #primate #primates #illegalwildlifetrade #illegal #wildlife #wildlifetrade #future #lastchancetosee #ACFoto #canon1dc #canon #canon24105mm #canonphotography #canonphoto #conservation #conservationphotography #ConservationPhotographer #animals #natgeo #NationalGeographicPhotographeroftheyear2015 #theoperatives

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Nicht nur wir als Konsumenten müssen etwas ändern, sondern auch die Politik. Hast du das Gefühl, dass sich da etwas tut?

Nein. In der Politik überhaupt nicht, aber in der Bevölkerung. Das finde ich ziemlich positiv. Wenn ich in Schulen gehe und da im Jahr ein paar tausend Kinder informiere, dann fängt die Hälfte davon mit eigenen Plastik-Umweltschutzprojekten an: Die sammeln Plastik, die laden mich wieder ein, und wenn ich dann wieder an die Schule komme, ist die plastikfrei und freitags gibt es keinen Fisch mehr, weil die Weltmeere überfischt sind. Sie haben einen Vogelfutterstand angelegt und machen keine Zoo-Exkursionen mehr. Da merke ich schon, dass etwas passiert! Und die Eltern tragen das an andere Erwachsene weiter, die Kinder werden älter und übernehmen das Ganze. Mir hat als Kind keiner erzählt, dass Plastik scheiße ist, sonst hätte ich das damals vermutlich schon eingestellt. Viele Menschen informieren sich, es entwickelt sich zum Trend, mit Plogging, veganer Ernährung, grüner Mode und so weiter. Die Leute rauchen und trinken weniger, machen mehr Sport, irgendwie habe ich schon das Gefühl, es geht in die richtige Richtung. Aber das ist mir noch nicht genug. Deutschland hat eine Vorbildfunktion in der Welt, die füllen wir nicht annähernd so aus, wie wir es könnten. Wir haben den Luxus, dass wir das können, denn in Indonesien kannst du dir nicht aussuchen, ob du das teure Bio-Hühnchen kaufst oder mal keine Plastiktüte verwendest, da gibt es halt nichts Anderes. Aber hier schon.

Dein Engagement sucht seinesgleichen. Fühlst du dich oft als Einzelkämpfer?

Ja, ich bin Einzelkämpfer. Ich habe noch nie jemanden gefunden, außer einen Freund von mir, der sagt: ‘Ich komme ohne Kohle mit und unterstütze dich bei dem, was du tust’. Ich mache super viel ohne Kohle.

Allein das sagt schon sehr viel aus.

Ja, man würde denken, dass alle Bock haben, aber, wenn ich sage: Komm einen Monat mit in den Dschungel, wir retten Tiere, bekomme ich die Antwort: Schwierig, das kostet ja auch Geld … Immer wenn es ernst und konkret wird, wird es schwierig. Deswegen ist es ja so wichtig, dass die Leute im Kleinen anfangen. Kauf dir eine andere Zahnbürste, kauf dir andere Kosmetik!

Die Welt zu retten ist cool, aber habe keine falsche Vorstellung davon. Das braucht verdammt viel Kraft, Energie und Geld, viel Zeit, viel Schweiß und Blut.

Wenn du unterwegs bist, sammelst du auch regelmäßig Müll aus dem Meer. Welche Sachen begegnen dir dabei am häufigsten? Ich bekomme ja mittlerweile die Krise, wenn ich Leute sehe, die Luftballons steigen lassen …

Ja, viele Luftballons mit Strippe dran, Fischerei-Abfälle wie Reste von Netzen und abgerissene Leinen, Folien, Milchtüten, Heliumballons, Plastikmöbel und Kinderspielzeug. Ich hatte früher Holzspielzeug, heute liegt nur noch Plastik in der Sandkiste. Strohhalme, Zigarettenkippen, Feuerzeuge und Plastikflaschen. Das ist nur das, was man sieht. Was man nicht sieht, ist das abgesunkene Plastik und Mikroplastik. Egal, ob ich in Ost-, Nordsee oder auf dem Pazifik unterwegs bin, überall schwimmt Plastik auf der Oberfläche.

Tote Tiere und Tiere, die gerade elendig sterben, entdeckst du auch regelmäßig. Was war bisher das Schlimmste, was du gesehen hast?

Dieses Jahr eine Eiderente, die mit ihrem Leben kämpfte, weil sie sich in einem Stellnetz verhangen hatte. Die guckte nur noch mit dem Kopf raus, war wild am Schnattern, Flattern und Ertrinken. Diese Ente konnte ich retten, aber da draußen sterben jedes Jahr 200.000 Eiderenten allein in der Ostsee auf grausamste Weise. Der Todeskampf ist echt nicht schön, schließlich ertrinken sie. Damit irgendjemand ein nachhaltiges Dorsch-Filet essen kann! Ja, der Fisch hat in Freiheit gelebt, aber die Konsequenz daraus, siehst du nicht. Oder wie viele Schweinswale in so einem Netz verenden. Das macht mich immer wieder betroffen, wenn ich Wale, unendlich viele Vögel und auch Hummer so vorfinde. Auch der hat ein Schmerzempfinden, unterliegt dem Natur- und Tierschutzgesetz, und wenn ich einen Hummer mit zusammengebundenen Scheren finde, ist das ein Tod von einem Jahr. Der verhungert ganz langsam und elendig.

Es gibt immer mehr Systeme, die es angeblich schaffen, Müll aus den Meeren zu fischen, zum Beispiel das Seabin Projekt aus Australien, das du auch schon getestet hast. Könnte das die Zukunft sein und was spricht dagegen?

Es gibt immer mehr Projekte, aber das sind nur Akutmaßnahmen, wir können damit nicht alle Meere von Plastik befreien. Es ist wie bei einem Herzinfarkt, erstmal muss man schnell handeln. Das heißt, so wenig Plastik wie möglich verwenden und Technologien entwickeln, wie wir es wieder rauskriegen. Der niederländische Erfinder Boyan Slat will Plastik mit einem riesen Rohr aus dem Meer saugen, aber solche Geräte können nicht zwischen Plastik und beispielsweise Quallen und Fischlarven differenzieren, die fürs Ökosystem wichtig sind. Da sehe ich Probleme. Und das Mikroplastik wirst du nie wieder rauskriegen! Das ist alles ein Tropfen auf den heißen Stein. Es ist gut, dass etwas getan wird, aber es gehört mehr dazu, um dieses große Plastik-Monster zu besiegen.

Welche Projekte sind deiner Meinung nach unterstützenswert?

Ein Ansatz ist, einfach um die Ecke zu denken: Ich habe ein Interview über Geisternetze gegeben, das sind bei der Fischerei verloren gegangene Netze. Die Leute fragen, was kann ich schon gegen Geisternetze tun, soll ich rausfahren und die einsammeln? Nein, aber: Iss nicht den Fisch, der mit Netzen gefangen wird! Wenn das nicht mehr gekauft wird, muss auch kein Fischer mehr Netze benutzen, die abreissen könnten.

Wie bist du damals mit den Themen Umwelt- und Tierschutz in Berührung gekommen?

Ich bin in den Achtzigern mit BMX-Rädern, Skateboards und im Wald aufgewachsen, ohne Computer. Mir war die Natur immer am wichtigsten, ich bin viel mit meinem Opa draußen gewesen, zum Angeln, oder habe mit meiner Oma Bücher über Fische gelesen, und das hat sich nie geändert. Ich mache das also schon immer, ich habe nie etwas Anderes gemacht. Es war quasi obligatorisch, dass ich Meeresbiologe werde. Dann konnte ich mich aber nicht entscheiden: Mache ich etwas Wissenschaftliches oder das, was ich will?

Ich arbeite ab und zu noch wissenschaftlich, aber es ist in meinen Augen schwierig, dadurch großflächig etwas zu ändern. Im Kleinen vielleicht, und wenn du ein Ausnahmewissenschaftler bist, der ein Meeresschutzgebiet einrichtet, auf jeden Fall, aber ich glaube, so wie ich das im Moment mache, kann ich mehr erreichen, als wenn ich nur im Labor sitzen würde. Deswegen habe ich das für mich so entschieden, es gibt heutzutage aber auch mehr Berufe in diese Richtung und nicht nur den einen.

Hast du Tipps für Menschen, die sich nicht nur privat, sondern auch beruflich dem Umwelt- und Tierschutz widmen wollen?

Die Leute sagen oft, ich möchte machen, was du machst beziehunsgweise in diese Richtung gehen. Meine Antwort ist: Okay, schraub 30 Jahre zurück, fang an Tiere zu retten, werde Taucher, eigne dir zwanzig verschiedene Taucherscheine an, studiere Meeresbiologie, werde Forschungstaucher, lerne Fotografieren und Filmen, und wenn du dann alle Skills in den nächsten 30 Jahren hast, kannst du gerne mitmachen, dann kannst du das Gleiche wie ich machen. Es vergessen viele Menschen, dass ich nicht einfach irgendwohin fahre, von irgendwem bezahlt werde, und dass ich mir das, wo ich heute bin, schwer erarbeitet habe. Von Komfort musst du dich verabschieden. Ich habe eine 7-Tage Woche, bin 300 Tage im Jahr unterwegs, ich habe nie frei, fahre nie in den Urlaub, treffe mich nie mit Freunden. Ich würde den Leuten raten: Sei vorsichtig bei der Berufswahl und dem, was du dir wünschst, denn die Welt zu retten ist cool, aber habe keine falsche Vorstellung davon. Das braucht verdammt viel Kraft, Energie und Geld, viel Zeit, viel Schweiß und Blut.

Hast du trotzdem noch einen konkreten Tipp?

Ein kleines Mädchen hat mich gefragt, welchen Beruf sie machen solle, um die Welt zu retten. Meine Antwort darauf: Hey, das ist überhaupt keine Frage von Berufen, das ist eine Frage von persönlichem Engagement! Ob du heute raus gehst und Müll sammelst, ob du deine Freunde inspirierst, nicht mehr in den Zoo zu gehen, weil es scheiße ist, wenn Tiere eingesperrt werden … du kannst alles machen, dir stehen alle Möglichkeiten offen! Ich sage den Kindern auch immer, guckt YouTube, da gibt es alles an Dokumentationen über Riesenkraken und wie man die Welt retten kann. Auch wenn die Eltern dagegen sind – bei YouTube kann man super viel lernen und sich weiterbilden, man kann super viel lesen und Experte werden, ohne studiert zu haben. Das heißt, eine Empfehlung, mit diesem Studium wirst du Weltretter oder veränderst etwas, kann ich gar nicht geben. Das kann ein Umwelttechniker genauso wie ein krasser Physiker, der ein geiles Mittel entwickelt, wie man dem Plastik Herr werden kann. Da gibt es tausende Möglichkeiten. Es ist nicht so, dass ein Biologe am Ende die Welt schützt, ganz im Gegenteil.

Tiere einzusperren ist mit das Schlimmste, was ein Mensch machen kann, das ist Folter.

 

Welcher Meeresbewohner hat dich bisher nachhaltig beeindruckt und warum?

Ich mag Orkas sehr, weil sie unfassbar intelligent und beeindruckend sind. Sie könnten uns mit einem Happs essen, tun es aber nicht. Ich weiß nicht, warum sie es nicht tun, aber wenn du ihnen in die Augen guckst, guckt jemand zurück. Ein sehr besonderes Tier. Und ich mag alle Haie. Ich mag überhaupt alle Tiere, außer Wespen im Moment (lacht).

Umso schlimmer, dass es immer noch Wasserparks mit Orkas gibt!

Ja. Es sind aktuell über 60 Orkas eingesperrt und es werden mehr. Russland und China stocken extrem auf, die sind jetzt ungefähr da, wo wir vor 30 Jahren waren. Die errichten Parks und Aquarien und sperren Tiere ein. In Russland ist Tierschutz völlig egal, die sperren Orkas ein und verkaufen sie. SeaWorld tut das nach wie vor im stillen Kämmerlein. Sie haben zwar mit künstlicher Befruchtung aufgehört, aber sie lassen Männchen und Weibchen trotzdem zusammen, es kommen Babys und Orkas werden weiter sterben, nach neun Jahren Gefangenschaft statt 90 Jahren in Freiheit. Ein beliebtes Argument von Zoos und Aqua-Parks ist, dass Kinder und Erwachsene dort lernen würden, wie sich die Tiere in freier Wildbahn verhalten würden – aber kein Tier verhält sich in Gefangenschaft wie in der freien Wildbahn.

Das ist einer meiner Kernpunkte, dass man umdenken muss, was Haltung betrifft. Vor vierzig Jahren wussten wir es nicht besser, aber heute wissen wir um ihre Persönlichkeit, Sprache, und Kultur, sie spüren Stress, Schmerzen und Einsamkeit. Tiere einzusperren ist mit das Schlimmste, was ein Mensch machen kann, das ist Folter.

Du bist Meeresbiologe – 2015 bist du National Geographic-Fotograf des Jahres geworden. Wie kam es dazu?

Ich habe viele Situationen immer alleine erlebt und dachte oft, wie geil es wäre, wenn noch jemand dabei wäre, mit dem ich das teilen kann. Ich dachte, alle anderen müssen auch sehen, wie geil das ist, damit sie nicht mehr in Delfinarien gehen. Ich habe schon immer Tierfotos gemacht. Als ich 2010 die ersten Expeditionen nach Mexiko unternommen habe, habe ich mir die erste richtige Kamera gekauft. Ich hatte das Gefühl, dass ich ein Auge dafür habe, und wollte es probieren. Die ersten Aufnahmen waren immer scheiße, aber vier Jahre später war ich dann schon National Geographic-Fotograf des Jahres. Ich hatte meine Kamera jeden Tag in der Hand und habe viele YouTube-Tutorials über die Bedienung geguckt. Irgendwann hat es Klick gemacht!

Du tauchst ganz oft frei, ohne Sauerstoffflasche.

Ja, am liebsten.

Kommst du den Tieren so noch näher?

Ja, du hast diesen ganzen schweren Kram nicht dabei, der dich sonst behindert. Das ist auch laut für die Tiere, Luftblasen machen Krach. Wenn man frei taucht, ist man schwere- und lautlos. Das finden die Tiere cool. Manche erschrecken sich auch, wenn ich lautlos hervorkomme, um Fotos zu machen, wie Robben zum Beispiel. Wenn sie merken, es geht keine Gefahr von mir aus, fangen sie an, mit mir zu spielen, die Tiere sehen dich als einen von ihnen. Mit Ausrüstung schaffst du das nie, die Tiere halten immer einen Sicherheitsabstand.

Du tauchst mit Haien, Orcas uns Robben. Hattest du schon mal Angst im Wasser?

Angst hatte ich noch nie. Beim Höhlentauchen sind mal Teile einer Höhle über uns eingestürzt, das war ein bisschen tricky, weil wir nicht wussten, ob der Eingang noch frei war. In Mikronesien habe ich mich in einem Schiffswrack verhakt, ziemlich tief, ziemlich weit drinnen, ich kam nicht alleine raus. Da musste ich mich bemühen, ruhig zu bleiben, denn wenn du in Panik gerätst, bist du tot. Aber ich hatte nie richtig große Angst.

Forschungstauchen ist kein Nemo-Schnorcheln am Riff, sondern bedeutet in 50 Metern Tiefe wissenschaftliche Geräte zu installieren.

Neben deiner Aufklärungsarbeit, die du betreibst und deinen Expeditionen in ferne Länder, tauchst du oft zu Forschungszwecken. Gerade warst du zum Beispiel sechs Wochen rund um Helgoland unterwegs. Wie sieht dein Arbeitsalltag bei so einer Forschungsreise aus und wer ist dein Auftraggeber?

Wir sind zu fünft, alles Forschungstaucher, ein Archäologe und vier Biologen. Wir fangen morgens früh mit einer Einsatzbesprechung an, schauen was das Wetter sagt. Wir müssen jeden Tag flexibel reagieren, manchmal kommt man gar nicht raus, manchmal ist man 20 Stunden draußen.

Es gibt ganz unterschiedliche Aufgabenstellungen. Ich arbeite zum Beispiel für das Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, fürs Landesamt in Schleswig-Holstein oder die Biologische Anstalt auf Helgoland. Das heißt mal Algen kartieren, ich muss also alle Algen unter Wasser auswendig kennen und bestimmen, die so groß sind wie ein Fineliner-Strich. Manchmal ernte ich auch Algen, dann fühlt man sich wie ein Gartenlandschaftsbauer, manchmal muss ich große Unterwasser-Messgeräte installieren und mit einem großen Schraubenschlüssel arbeiten, manchmal filme ich für Terra X, manchmal fotografiere ich. Jeder Tag ist anders, aber immer gefüllt, und nach sechs Wochen Helgoland bin ich auch platt. Dann brauche ich eigentlich drei Wochen zur Erholung und nehme mir gefühlt zwölf Stunden.

Gibt es viele Forschungstaucher in Deutschland?

Es gibt nicht so viele. Jedes Jahr können sich in Deutschland zwölf Leute an sechs verschiedenen Orten ausbilden lassen. Die müssen es aber erstmal durch die ziemlich anstrengende und sportliche anspruchsvolle Ausbildung schaffen – das ist wie ein Eignungstest bei der Polizei oder dem Militär. Forschungstauschen ist kein Nemo-Schnorcheln am Riff, sondern bedeutet in 50 Metern Tiefe wissenschaftliche Geräte zu installieren.

Es gibt aber auch nicht so viele Jobs, das heißt, nach der Ausbildung muss man immer am Ball bleiben, sich weiterbilden und Jobs finden. Ich bin einer der wenigen Glücklichen, die immer am Ball geblieben sind und immer Jobs haben. Unser Team ist das einzige in Deutschland, wir haben keine Konkurrenz, weil es so kompliziert und schwierig ist und man unfassbar viele Skills mitbringen muss. Das hört beim Tauchen nicht auf, man braucht einen Bootsführerschein, muss für die Dokumentation filmen und fotografieren können, man braucht für die Auswertung die wissenschaftliche Kompetenz, muss mit Instituten sprechen – man ist ein Multi-Tasking-Mensch, in allen Belangen. Nur so kann man etwas werden, und das sind nur 20 Prozent meines Jobs.

Gibt es Themen, die du unbedingt noch dokumentieren möchtest?

Wieviel Zeit hast du? (lacht) Aktuell arbeite ich an einem Film über Fische in Aquarien, unsere häufigsten Haustiere der Welt. Darüber redet keiner: Können Fische Schmerzen und Stress empfinden, haben sie Empfindungen wie Liebe? Mir fehlt aber das Geld, um die Produktion umzusetzen, ich bin aber dran! Dann möchte ich unbedingt einen Film über Plastik auf den Philippinen und Auswirkungen auf den Öko-Tourismus machen – da fehlt auch das Geld.

Es gibt noch 400 andere Themen, die mir wichtig sind, meist über den Zusammenhang zwischen Tourismus und Tieren – vom Elefanten Reiten bis zum Tiger-Selfie und was dahinter steckt. Ich habe das schon alles live erlebt und frage mich jedes Mal, warum die Leute nicht zwei Schritte weiterdenken, warum sie das nicht sehen! Ich habe viele Themen im Kopf, aber der Tag hat leider nur 28 Stunden (lacht).

Was müssten das für Geldgeber sein?

Ganz egal, ich nehme das Geld, ob es von öffentlich-rechtlichen Sender oder von Pro7 kommt, ob von einer Foundation oder einem Privatmann. Ob 200.000 oder 10 Euro, ich brauche den Betrag, um den Film zu realisieren. Das ist ja nicht mal Gage für mich, sondern das sind Reisekosten, Kameraequipment, und wenn ich Leute mitnehme, versuche ich immer, ihnen ein bisschen Geld zu geben, weil ich weiß, wie scheiße sich das anfühlt, wenn man ohne Geld arbeitet. Viele verstehen nicht die hohen Produktionskosten, der Schnitt kostet 30.000 Euro, du brauchst einen Sprecher, Musik, Versicherungen usw. Dahinter stehen normalerweise riesige Produktionsfirmen, ich bin allein. Du brauchst die Kohle, sonst kriegst du nichts gemacht. Das ist die Scheiße daran.

Was möchtest du unseren Lesern zum Abschluss noch sagen?

Geht mit offenen Augen und Ohren durch die Welt, hinterfragt Sachen, vor allem euren eigenen Konsum. Macht an irgendeiner Stelle die Welt besser und seid lieb zueinander.

Danke, für das inspirierende Gespräch, Robert!

 

Hier findet ihr Robert Marc Lehmann:

Titelbild: PR/Christian Lehnen

 

 

Der Trailer für die zweite Staffel von “The Operatives” mit Robert Marc Lehmann. Weitere Dokumentationen findet ihr auf seinem  Youtube-Channel.

 

 

 

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